• Stephanie Morcinek

Wie ich zur femininIN wurde

Aktualisiert: Okt 6

Ein Tag im Mai 2019 machte mir schlagartig klar, dass wir in einer Welt leben, in der Angst herrscht vor starken Frauen, vor Frauen, die ihren Mund aufmachen. Diese Welt ist einfach immer noch so konzipiert, dass auch die Stärksten von uns auf die Nase fallen können. Weil manche Männer immer noch die Spielregeln vorgeben dürfen. Deshalb wurde ich zur femininIN – und das ist meine Geschichte.


Hallo, ich bin's: eine femininIN // Photo: © Katja Brömer

Ich arbeite jetzt schon seit über dreizehn Jahren als JournalistIN. Ich wollte nie über wirtschaftliche Themen schreiben oder gar politisch sein. Es sollten eher die schönen Dinge des Lebens im Fokus meiner Arbeit stehen – Mode, Beauty, Reisen, Wellness. Doch unsere Welt hat sich dahingehend verändert, dass wir nicht mehr unpolitisch sein dürfen. Wir müssen den Mund aufmachen und darüber berichten, wenn uns Ungerechtigkeit auffällt – auch wenn wir im ersten Augenblick glauben, dass diese Ungerechtigkeit noch so klein ist. Denn wenn wir spüren, dass da gerade etwas nicht richtig läuft, dann läuft da verdammt noch mal etwas nicht richtig. Und genau so ist es mir letztes Jahr ergangen.


Nach jahrelanger Festanstellung machte ich mich Ende 2017 selbstständig und arbeite seitdem als freie JournalistIN für diverse Medien. Ich konzipiere, interviewe, recherchiere, redigiere und texte für die unterschiedlichsten Medien. Über eine Kolleg*IN erfuhr ich von einem wirklich ansprechenden Medium, das zwar nicht so bekannt war, mich aber aufgrund seiner thematischen Ausrichtung direkt faszinierte. Mit vielen Themenideen bewaffnet bewarb ich mich und durfte mich kurze Zeit später als freies Teammember fühlen. Nach und nach wurde mir mehr Verantwortung übertragen, was sich vor allem im Gestalten und der Themenauswahl abzeichnete. Da das Medium mit seinen Themen und Ressorts hauptsächlich weibliche Leser*INNEN anspricht, war es überhaupt keine Frage NICHT über Themen zu berichten, die besagte Leser*INNEN interessierten. Da war zum Beispiel der neue Feminismus, der geschürt durch die #metoo-Debatte immer präsenter zu sein schien. Dann wiederum eine Geschichte über weibliche Gurus oder eine andere über erfolgreiche GründerINNEN, die aus dem Nichts ein riesiges Imperium aufbauten. Ach ja, und über Periodenprodukte, die aus nachhaltigen Materialien hergestellt wurden. Alles gemischt mit ganz allgemeinen Themen, die den Zeitgeist widerspiegelten und auch in meinem Freund*INNEN-Kreis besprochen wurden. Ganz normal. Gar nicht schlimm. Zumindest für mich.


Gekündigt, weil meine Arbeit zu feministisch war?!


Doch mein Auftraggeber, der in eine Kategorie fällt, über die es ein sehr erfolgreiches Buch von Sophie Passmann gibt, schien bei jedem Thema, das eine starke Frau darstellte, innerlich aufzukochen. Vor allem geschuldet der Tatsache, dass er mich für meine Arbeit auch noch bezahlen musste, die zwar das Medium bekannter und erfolgreicher machte – also durchaus gut war – ihm jedoch überhaupt nicht in den Kram zu passen schien, weil es sein weißes Männerweltbild zu erschüttern drohte. Er schien förmlich nur auf einen Fehler meinerseits zu warten, mit dem er mich schnell los werden konnte und gleichzeitig nicht mehr bezahlen musste. Vielmehr war es am Ende ein doofes Missverständnis (für alle, die es genau wissen wollen: Ein Foto, das eine InfluencerIN ohne nachzudenken und böse Absicht vor Abdruck postete), aus dem mir besagter Auftraggeber einen Strick drehen konnte und endlich einen Anlass sah, mich loszuwerden – inklusive Chance, mir das Geld für meine Arbeit nicht auszahlen zu müssen. Er schickte per Mail eine sofortige und fristlose Kündigung, die den Foto-Vorfall als ausschlaggebenden Grund nannte.



Jeder Versuch, per Telefon persönlich über den Vorfall zu sprechen und das Missverständnis aufzuklären, wurde abgeblockt bzw. ignoriert. Ein Erklären meinerseits wurde schon von vornherein abgeblockt und hatte keine Chance. Das einzige Mittel, das angewandt wurde, war das der sofortigen, fristlosen Kündigung. Eine Machtdemonstration. Und das mit haltlosen Vorwürfen, die neben vielen anderen einen Satz enthielt, der mich echt schockierte. Ich werde ihn nicht 1:1 wiedergeben, nur sinngemäß. Mir wurde gekündigt, weil ich angeblich ein feministisches Manifest erschaffen wollte.


Ich, eine Feminist*IN?


Ich saß vor meinem Computer, las diese Worte und kam ins Grübeln. Ich, Feminist*IN? Es war als Beleidigung seinerseits gemeint, doch eigentlich war es keine Beleidigung, sondern es zeigte nur, dass er mein Verhalten als Kampfansage verstanden hatte. Eine Kampfansage an das Ego dieser Person. Ich traf anscheinend die gesamte Zeit der Zusammenarbeit mit meiner direkten, ehrlichen und furchtlosen Art genau dahin, wo es weh tat. Herz oder Eier, du kannst es dir selbst aussuchen!


Ich habe mich nie als Feminist*IN gesehen. Aber schlagartig wurde mir klar: Ich setze mich natürlich dafür ein, dass Frauen zu ihren Rechten kommen, dass Frauen gefördert werden, dass wir gleich bezahlt werden, wenn wir die gleiche Arbeit leisten, dass wir nicht benachteiligt oder nur wegen unseres Aussehens bevorzugt werden, dass wir trotz Familie und Kindern gleiche Chancen erhalten wie Männer – denn nicht nur Frauen allein haben das Kind gezeugt, dazu gehören immer noch zwei Menschen. Doch ich interessiere mich trotzdem für Mode, für Beauty, für Interior und andere schöne Dinge, die teilweise von Feminist*INNEN belächelt werden. Warum geht nicht beides zusammen? Muss ich das eine ablehnen, wenn ich das andere gut finde? Nein, muss ich nicht! Deshalb bezeichne ich mich selbst als femininIN.



Ich bin feminin und feiere meine Weiblichkeit. Aber ich wollte schon immer für mich selbst sorgen, hatte noch nie den Drang, einen Versorger finden zu müssen. Der Versorger bin ich ganz alleine. Mein Partner ist ein Mensch, der mich ergänzt, nicht der Geldgeber, der schöne Reisen, Schmuck und Klamotten finanziert. Ich bin diejenige, die das alleine kann und schon immer wollte. Ich habe als einzige in meiner Familie studiert, habe mich durchgekämpft und schon immer meine Unabhängigkeit und Freiheit vor alles andere gestellt. Das ist es, was mich aus- und stark macht. Ich mache meinen Mund auf. Gut, bei besagtem Mensch von oben bin ich darüber gestolpert und auf die Nase gefallen, denn natürlich war es zunächst negativ, dass ich plötzlich den Job los war, mich überall erklären und mit einer AnwältIN um die Bezahlung meines Honorars kämpfen musste. Ich habe aber viel zu lange geschwiegen. Viel zu lange damit gewartet, zu erklären, was wirklich passiert ist.


Starke Frauen erkennt man daran, dass sie füreinander einstehen – das macht uns zu femininINNEN!


Alles Negative hat auch immer eine positive Seite. Diese macht sich nicht immer direkt bemerkbar, sondern oftmals erst Wochen, Monate, Jahre später. Ich habe den positiven Effekt dieser ganzen Geschichte dahingehend erzielt, dass ich in Gesprächen mit wunderbaren Menschen auf die Idee gekommen bin, dieses Online-Magazin zu entwickeln. Einen Ort, an dem wir über Themen schreiben oder im Podcast bzw. per Video über Themen sprechen, die uns wirklich bewegen. Es ist unser Ort zum kreativen Austoben. Eine femininINNEN-Spielwiese, auf der du gerne mitspielen kannst. Austausch und Verbindung ist das, was femininINNEN brauchen. Gemeinschaft und gegenseitiges Bestärken. Als mir die oben beschriebene Ungerechtigkeit passierte, habe ich gemerkt, wie stark und selbstbestimmt andere Frauen reagiert und sich hinter mich gestellt haben. Viele haben sofort eine Zusammenarbeit mit besagtem Auftraggeber beendet. Sie haben ein Zeichen gesetzt, dass derartiges Verhalten nicht länger toleriert werden darf. Dass sich Frauen so etwas nicht gefallen lassen müssen und dass es andere selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen gibt, die solidarisch füreinander einstehen. Das macht für mich eine femininIN aus!

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