• Birgit Bulla

Wie du merkst, ob du etwas wirklich willst – oder es dir die Gesellschaft nur einredet

Aktualisiert: Sept 20

Stell dir folgendes Szenario vor: Eine gute Fee kommt vorbei und erfüllt dir einen Wunsch. Dieser muss natürlich weise gewählt werden – du hast schließlich nur den einen. Aber kein Problem, du weißt doch sicher ganz genau, was du wirklich willst. Oder?


Will ich es wirklich oder denke ich nur, dass ich es will? / Photo: ©Christopher Ott/Unsplash

Hier kommen wir auch direkt zum Thema dieses Artikels: Woher wissen wir eigentlich, was wir im und vom Leben wirklich wollen? Und ist das dann auch wirklich unser Wille und Wunsch oder sind wir am Ende alle fremdbestimmt von einer Gesellschaft, die uns jahrelang nur eingeredet hat, gewisse Dinge zu wollen?

Der neue Job in der super durchgestylten Agentur zum Beispiel. Wirklich Spaß machen tut das Ganze nicht. Und mies bezahlt ist es auch. Aber hey, es ist eben eine coole Agentur mit Medien und so. Und das will doch schließlich jeder. Machen ja alle coolen und toughen Menschen in Großstädten, die was auf sich halten. Dass wir als Kind vielleicht lieber Bäcker*IN oder Zugführer*IN werden wollten, wurde still und heimlich ins hinterste Eck unseres Gehirns verbannt, so dass man es fast nicht mehr wahrnimmt. Das einzige, was wir irgendwann merken: Wirklich glücklich und ausgefüllt sind wir nicht.


"Mag ich das wirklich? Oder nur weil es alle mögen...?"


Man kann das Ganze auch etwas runterrechnen und in Alltagssituationen beobachten: Du gehst mit ein paar Leuten ins Kino. Der Film, für den du dich entschieden hast, wird schon jetzt von den Kritiker*INNEN abgefeiert. Überall wirst du damit konfrontiert, wie toll und überragend er doch ist. Der beste Film des Jahres, den man gesehen haben muss. Klar, ist ja auch ein total komplizierter, aber super intelligenter Arthouse-Film. Das Problem: Ob du diesen Arthouse-Film nun auch toll und überragend fandest, kannst du nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Dir wurde von Außen einfach zu oft und zu lange eine Meinung aufgedrückt. Es ist nun gar nicht so einfach, in sich hineinzuschauen und zu checken: Hat mir das Ganze nun gefallen? Oder war es mir zu kompliziert, kitschig oder einfach nur zu blöd? Vielleicht redest du dir auch ein, dass du alles toll fandest. Was ist schon deine mickrige Meinung im Vergleich zu der von 95 Prozent der anderen Filmzuschauer, die aus dem Schwärmen gar nicht mehr rauskommen? Und schwups, schon wird eine neue Meinung in dein Gehirn gepflanzt. Ohne, dass du das selbst, mit voller Überzeugung entscheidest. Du merkst: Schwierige Sache, das mit unseren "echten" und persönlichen Einstellungen und Wünschen, nicht wahr?


Wünsch dir was! Kann ja wohl nicht so schwer sein


Wirklich neu ist diese Problematik aber nicht. Schon im Buch "Die unendliche Geschichte" wird die Thematik aufgegriffen. Bastian befindet sich im Tausend Türen Tempel. Ein Gebilde, das nur aus Zimmern und Türen besteht. Verlassen kann Bastian ihn nur durch einen wirklichen Wunsch. Ein wirklicher Wunsch? Das kann ja wohl nicht allzu schwer sein, denkt er sich. Der Feuerlöwe Groagraman erklärt ihm anschließend, dass dieser Weg über die Wünsche aber der Gefährlichste sei, da es auf keinem anderen leichter sei, sich endgültig zu verirren und zu verlieren. Und auch Marlene Dietrich besingt es in ihrem wunderschönen Lied "Wenn ich mir was wünschen dürfte". Was das nämlich genau sein soll – sogar etwas Positives oder Negatives – weiß die SängerIN nicht (im Ernst, hör dir den Song an, er ist echt der Wahnsinn).


Natürlich sind auch Psycholog*INNEN an dieser Thematik interessiert, eine wirkliche Antwort oder einen Lösungsweg gibt es bisher aber nicht. Der Psychologie-Professor Dr. Alfred Gebert sagt dazu, dass unsere Wünsche abhängig sind von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Also, wie wir leben, aufgewachsen sind oder wie alt wir sind. Daneben liegt unsere Unfähigkeit, zu wissen, was wir wirklich wollen auch daran, dass wir heutzutage einfach eine viel zu große Auswahl an Möglichkeiten haben. Weißt du zum Beispiel ohne nachzudenken, was dein Lieblingsessen ist? Nein? Kein Problem, wir auch nicht. Wie gut, dass es in Restaurants Speisekarten gibt, die uns die Auswahl erleichtern. Ohne sie wäre das Chaos perfekt. Durch die Speisekarte wird eine Vorauswahl für uns getroffen, wir müssen uns also nur noch entscheiden, ob wir nun eine Pizza Vegetaria oder doch lieber eine Pizza Margherita mit Ananas wollen. Das bedeutet also: Je kleiner die Auswahl, desto einfach fällt es uns, uns zu entscheiden und einen Wunsch zu äußern.


Was wirklich wichtig ist: sich zu entscheiden!


Entscheiden wir uns nicht selber, übernimmt das unsere Umgebung, unser Umfeld für uns. Wir lassen uns quasi von Außen beeinflussen, welchen Job wir anfangen wollen, wie unsere Wohnung aussehen soll, wie wir unsere Beziehungen zu führen haben. Wir vergessen, auf uns selber zu achten und zu hören und leben also das Leben, das von der Gesellschaft als lebenswert betrachtet wird. Auf Dauer macht das natürlich richtig unglücklich.

Es ist demnach unglaublich wichtig zu wissen, was wir vom Leben möchten und müssen uns aktiv dafür entscheiden. Das ist natürlich leichter geschrieben als getan. Wir müssen mit uns in Kontakt treten und nachhorchen, was uns wirklich glücklich macht, was unser echtes "Ich" möchte.


Mega: Lerne dich kennen und sei dir eine gute Gesellschaft


Professor Gebert rät dazu, sich "eine stille Stunde" zu gönnen. Sich also mal rauszunehmen, sich zurückzuziehen und auf sich zu fokussieren. Ohne störende Nebengeräusche, Handy oder Laptop. Nun ist es wichtig, das Leben Revue passieren zu lassen und zu schauen, was uns glücklich gemacht hat und was nicht. Wo haben wir uns wohl, sicher und aufgehoben gefühlt und wo eher nicht. Wir sind dankbar für das, was wir bisher erreicht haben und zeichnen unsere Lebensgeschichte im Geiste weiter. Wichtig: realistisch bleiben. Mit Mitte 30 nach Hollywood auszuwandern, weil wir gerne die Oscars moderieren möchten, ist natürlich cool – aber eben leider ziemlich unmöglich (sooorry...). Wenn es hilft, können wir das Ganze auch in einer Art Tagebuch festhalten. So sehen wir schwarz auf weiß, was wir bisher erreicht haben und es fällt vielleicht leichter zu überlegen, wo die weitere Reise hingehen soll.




Keine Angst vor Fehlern oder Fehlentscheidungen


Was wir an dieser Stelle auch auf keinen Fall außer acht lassen sollten: Irren ist menschlich. Entscheidest du dich also dazu, deinen Agenturjob an den Nagel zu hängen, weil du ein Praktikum in einer Bäckerei angeboten bekommen hast, merkst aber, dass das wohl doch nicht so ganz das Wahre ist – nicht schlimm! Mache dir deswegen keinen allzu großen Stress. Das bedeutet nicht, dass dein Leben nun verpfuscht ist oder du super viel Zeit verloren hast. Ganz im Gegenteil sogar: Aus Fehlern lernen wir und jede Erfahrung, egal ob gut oder schlecht, hilft uns weiter, auf der Suche nach den ehrlichen, persönlichen und ganz eigenen Wünschen. Und die sind es schließlich wert, von uns erkannt und gelebt zu werden.

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