• Stephanie Morcinek

Warum verzeihen wir online so schwer kleine Fehler?

Aktualisiert: Jan 19

Der Lockdown scheint kein Ende zu nehmen. Unsere persönlichen Kontakte gehen gegen 0. Klar, dass wir deshalb mehr Zeit als je zuvor in den Sozialen Medien verbringen. Sie kompensieren unsere Real-Life-Treffen, sind eine Art Still-Dasitzen und Leute-Gucken. Doch was dabei auffällt: Die Netzgemeinde disst, mobbt und beschwert sich, als hätte ihr virtuelles Gegenüber keine Gefühle. Vor allem wird über kleine Fehler oder schnell passierte Unachtsamkeiten nicht mit einem Zwinkern hinweggescrollt, sie werden zum Drama ausgebaut, in dem nicht selten Beleidigungen, Hate Speech und Hetze die Hauptrolle spielen.


Frau vor Laptop mit Kaffee in der Hand
Wer sich online bewegt, muss auch mit Hass und Gegenrede rechnen // Photo: Andrew Neel / Unsplash

Influencer*IN wurde in den letzten Jahren nicht nur zu einem geflügelten Wort für alle Medienschaffende. Influencer*IN wurde vor allem zu einem neuen Berufszweig, der es vielen Menschen ermöglicht, mit ihrer Persönlichkeit in Sozialen Medien – allem voran Instagram – Geld zu verdienen. Eine, die schon seit der Geburtsstunde von Instagram dabei ist, ist Madeleine Alizadeh, die den meisten unter ihrem Pseudonym DariaDaria bekannt sein sollte. Sie fing mit Mode und Beauty an, widmet sich inzwischen aber vor allem den Themen Nachhaltigkeit, Umwelt- und Tierschutz, Menschenrechte, Feminismus und einem gleichberechtigtem Lebensstil. Sie hat Haltung. Doch genau diese positive Eigenschaft stellt sich auch als ihr wohl größtes Problem dar. Denn obwohl oder gerade weil Madeleine wirklich einen beneidenswert und nachahmungswürdigen Lifestyle lebt, muss sie sich immer wieder doofe Kommentare anhören.


Im Netz wird nämlich ganz genau hingeguckt. Jedes Wort, jedes Fitzelchen eines Bildes, jede noch so nebensächliche Tätigkeit wird beäugt, bewertet und kommentiert. Da ist viel Gutes dabei, keine Frage. Doch was uns immer wieder auffällt: Es wird einfach nichts verziehen. Die Leute haben eine Erwartungshaltung an bestimmte Influencer*INNEN, die einfach kein Mensch erfüllen kann. So musste sich die sonst vegan lebende Madeleine übelste Kommentare anhören, weil sie auf einer Zug-Reise einer Frau landestypische Teigtaschen abkaufte, die Käse enthielten.

Oder als sie im Herbst 2020 auf der Suche nach einem neuen Mantel war, wurde ihr von Follwer*INNEN immer wieder gesagt, dass sie doch schon so viele Mäntel hätte und die Frage gestellt, ob sie wirklich einen neuen bräuchte. Klar, man kann sich bei einer auf Nachhaltigkeit fokussierten und konsumkritischen Person wie Madeleine diese Frage stellen, aber bitteschön: Es ist ihr Ding! Ganz alleine. Man muss sie dafür nicht dissen oder ihr Kommentare dazu schreiben, die sie verurteilen. Doch die Menschen tun es. Immer wieder. Die Sozialen Medien sind voll von Negativität, Vorwürfen und Beleidigungen.

Soziale Medien und Hate Speech: Warum wir nicht mehr verzeihen


Susanne Boshammer, Professorin für praktische Philosophie an der Universität Osnabrück sagte dazu in einem Interview: "Verzeihen ist ein Ausdruck von Mitmenschlichkeit, denn wir alle machen Fehler und brauchen zweite Chancen. Schon aus Gründen der Fairness und der Solidarität spricht daher einiges für den Grundsatz: Wenn du willst, dass man dir verzeiht, dann sei auch selbst dazu bereit.“ Doch fair und solidarisch sind in den Weiten des WWW leider zwei Begriffe, die immer seltener Beachtung finden. Dafür haben die Wörter Hass und Beleidigung mehr Bedeutung erlangt.


Hate Speech im Internet ist zu einem globalen Problem geworden. Natürlich gehören eine freie Meinungsbildung und offene Debatten zu den Kernwerten einer freien Gesellschaft. Doch die Sozialen Medien – das haben wir auch deutlich an den Twitter-Hasstiraden Donald Trumps gesehen – sind eine stärkere Waffe, als sie auf den ersten Blick vermuten lassen. Die Hemmschwelle für Anfeindungen ist niedrig, vor allem Jugendliche und Frauen sind davon besonders häufig betroffen. Jeder Mini-Fehler wird bewertet. Von wenigen sachlich, von anderen vehement und oft auch unter der Gürtellinie.


Hate Speech: Das können wir dagegen tun


Um Hate Speech im Netz zu erkennen und einzudämmen, gibt es seit kurzem das von der Alliance F ins Leben gerufene Projekt "Stop Hate Speech", das mit Unterstützung des Förderfonds Engagement Migros versucht, mithilfe eines Algorithmus Hate Speech im Netz aufzuspüren. Jeder kann mithelfen, den Bot zu trainieren und so noch effektiver im Kampf gegen Hass und Hetze zu sein.


"Wir haben festgestellt, dass beispielsweise Frauen im Netz immer häufiger angefeindet werden", erklärt die Co-ProjektleiterIN von Stop Hate Speech, Sophie Achermann. "Wir sind aber der Meinung, dass Gewalt im Netz, egal gegen welches Geschlecht, so wenig zu suchen hat, wie in der Offline-Welt." Auf der Plattform kannst du dich anmelden und den Bot Dog mit Informationen zur Hate Speech füttern und lernst z.B. auch, wie man positive Worte im Internet verbreiten kann.


Psychologin: So gehst du mit destruktiver Kritik um


Die PsychologIN und PsychotherapeutIN Dr. Doris Wolf gibt Tipps, wie du am besten mit destruktiver Kritik umgehst und diese nicht so stark an dich heranlässt.


  1. Verteidige dich nicht. Es kostet dich Energie und gibt dem Kritiker nur Recht, dass er dich ganz leicht aus der Fassung bringen kann.

  2. Schau dir genau an, wer dich kritisiert. Ist der*die Kritiker*IN eine Persönlichkeit, von der du etwas lernen könntest, dessen Kritik wichtig für dich sein könnte oder sind dir die Vorlieben und Werte dieses Menschen gleichgültig?

  3. Such nach dem Motiv de*r Kritiker*INNEN. Will da jemand einfach nur Stunk machen, weil er sein eigenes Leben damit aufwertet? Ignorier diese Person, denn die Kritik gilt nicht dir, sondern einfach seinem*ihrem Leben.

  4. Schreib deinen Kommentar für diese Person auf, aber schick sie nicht ab. Bring deine Gedanken zu Papier und schreib dir die Wut von der Seele. Anschließend zerreisst du den Brief oder verbrennst du Schnipsel. Damit sollte auch dein Ärger verpuffen.

  5. Bedank dich beim Kritiker, dass er*sie seine*ihre Meinung geäußert hat. Das ist annehmend, jedoch nicht wertend. Du hast die Kritik zur Kenntnis genommen. Doch du lässt sie nicht an dich ran, sondern schiebst sie mit einem herzlichen Lachen einfach zur Seite.



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