• Birgit Bulla

Ist es spießig, sich bei seinen Nachbarn zu beschweren?

Zu laute Partys, intime Gespräche im Innenhof, nicht zu überhörender Sex in der Nebenwohnung. Es gibt so einige Dinge, die unsere Nachbarn tun, von denen wir eigentlich nichts wissen möchten. Sie tun es aber trotzdem und wir müssen damit leben. Oder? femininIN Birgit hat sich letztens bei ihren Nachbarn beschwert. Neben der Ruhe, die danach im Haus einkehrte, machte sich in Birgits Kopf eine ganz andere Sache breit: ein schlechtes Gewissen und die Frage: bin ich spießig, weil ich mich bei meinen Nachbarn beschwere? Ein Erfahrungsbericht.

Wer Tür-an-Tür mit seinen Nachbarn wohnt, bekommt so einiges mit // Photo: © Jan Jakub / Unsplash

Es muss so gegen 23:30 Uhr gewesen sein. Dienstag. Ich saß auf meinem Sofa direkt am Fenster und schaute Netflix. Ich glaube, es war die zweite Staffel "The Umbrella Academy". Ganz sicher weiß ich es aber nicht mehr. Richtig konzentrieren konnte ich mich nämlich nicht an diesem Abend. Ich wurde gestört. Von draußen hallten laute Gespräche und Gelächter in meine Wohnung. Dazu muss ich sagen, dass ich in einem Haus mit einem Innenhof lebe. Unsere Nachbarn haben keinen Hof, sondern einen Garten. Sehr schön mit Stühlen, Tischchen, Kerzen und so. Dass das Ganze auch genutzt wird, ist ja eigentlich klar. Dass mich das aber doch so stört, nicht.


Diese Gespräche machten mich an diesem Abend wahnsinnig. Vielleicht lag es an dem ganzen Corona-Stress, daran, dass wir nicht mehr wirklich ausgehen können. Jedenfalls regte mich diese kleine Gartenparty meiner Nachbarn fürchterlich auf. Noch dazu, weil es unter der Woche war und ich morgen früh raus musste. Genau wie die anderen Nachbarn sicher auch. Als dann noch Musik angemacht wurde, merkte ich, wie meine Zündschnur kürzer und kürzer wurde. Ich setzte mir (und den Nachbarn) eine Deadline. Wenn um 00:45 Uhr immer noch Partystimmung angesagt ist, sage ich was. Dazu musst du wissen, dass ich damit Schwierigkeiten habe. Mich offen zu beschweren, nur zu sagen, dass das Essen nicht schmeckt oder die Kund*IN sich gerade vorgedrängelt hat, fällt mir ungemein schwer. Und jetzt aus meinen eigenen vier Wänden? Bei Menschen, die ich indirekt kenne? Schreiend aus dem Fenster? Schwierig. Aber genau deswegen auch so wichtig für mich.


3, 2, 1....: "Ruuuuheeeee!!!"


Um kurz nach eins war's dann soweit. Licht aus, Spot an: mein Auftritt! Ich öffnete mein Fenster und sagte laut und bestimmt: "Sorry, könnt ihr die Musik vielleicht leiser machen? Und überhaupt leiser sein? Ist schließlich eine Wohngegend hier...". Wow! Ich hatte es tatsächlich gemacht. Und meine Nachbarn? Nach einem kurzen "Sorry" gingen sie wirklich ins Haus und feierten da weiter. Ich war irre stolz auf mich und freute mich auf mein Bett. Dort angekommen, fand ich aber trotz Stille keinen Schlaf. Ich kam mir spießig und streng vor. Und uncool. War ich jetzt über Nacht zu der nervigen NachbarIN geworden, die sich über jede Kleinigkeit beschwert? Die Hexe aus dem ersten Stock? Lache mich bitte nicht aus, aber diese Gedanken drehten sich noch lange durch meinen Kopf.


Die große Angst: Bin ich nun die Hexe aus dem ersten Stock?


Bis ich die Story einigen Freund*INNEN und Bekannten erzählte. Und die mir recht gaben. Hätten sie genauso gemacht, kann ja wohl nicht sein, dass Nachbarn unter der Woche keine Rücksicht nehmen und so weiter. Ich fühlte mich bestätigt und besser. Und rate mal, was am nächsten Abend passierte? Genau! Die Nachbarn waren wieder im Garten, diesmal sogar noch extremer. Klar, war ja Freitag. Und was habe ich gemacht? Um kurz vor zwei öffnete ich wieder mein Fenster und beschwerte mich. Yeah! Diesmal kam mir sogar etwas Gegenwehr entgegen. Von wegen, ich solle doch selber nicht so laut sein und so weiter. Sehr lächerlich. Mit einem strengen "Wie bitte???" wies ich das Mädchen, das das gesagt hatte aber in ihre Schranken. Das Ergebnis: Ruhe! Und dieses Mal gleich ein gutes Gefühl in meinem Kopf. Ich war für mich eingestanden und habe direkt gesagt, was mich stört, statt den Ärger in mich hineinzufressen und mit Ohrstöpseln schlafen zu gehen. Ich bin für mich und meine Bedürfnisse aufgestanden und das finde ich sehr, sehr wertvoll.


Was die Nachbarn davon halten? Och... mir mittlerweile ehrlich gesagt egal. Können ja sowieso nicht genau ausmachen, aus welchem Fenster die Beschwerden genau kamen. Und wenn doch: Eine miesgelaunte Hexe zu sein, die wütend aus dem Fenster schreit, finde ich ab und zu ganz lustig.

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