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Ohne Tierleid: Das musst du über Wolle und Co. wissen

Aktualisiert: Nov 19

Ist es der Lockdown? Sind es die fallenden Temperaturen? Wir haben im Moment jedenfalls richtig Lust auf kuschelige Strickteile. Die Shops und Online-Stores sind voll mit Pullis, Kleidern, Schals, Mützen und Co., die aus Wolle, Kashmir oder sonstigen wärmenden Materialien gefertigt sind. Ja, die Tierprodukte sind super flauschig und auch Daunenjacken oder Lederschuhe versprechen im Winter einen vor Wind und Wetter geschützten Körper sowie warme Füße. Doch wir wissen auch: Wenn Tiere ihr Fell, ihre Haut oder ihre Wolle für unsere Kleidung hergeben müssen, ist das fast immer mit Schmerzen und Leid für die fühlenden Lebewesen verbunden. Martina Stephany ist DirektorIN für Nutztiere und Ernährung bei der Tierschutz-Stiftung VIER PFOTEN und erklärt, welche tollen pflanzlichen Alternativen genauso warm halten oder woran du Wolle und Co. erkennst, bei deren Produktion auf das Wohl der Tiere geachtet wurde.

Sooo flauschig: Alpakas sind vor allem für ihre Wolle beliebt // Photo: Sébastien Goldberg/Unsplash

Wolle


Bei der in Deutschland erhältlichen Bekleidung aus Wolle ist vor allem das sogenannte „Mulesing“ ein Problem. Schafhalter schneiden ihren Lämmern große Streifen Haut um den Po herum ab – meist ohne ausreichende Betäubung. Diese blutige Prozedur wird ausschließlich in

Photo: Sam Carter/Unsplash

Australien betrieben, dem weltweit größten Wollproduzenten. 75% der Wollexporte und 90% der feinen Merinowolle für den globalen Textilmarkt stammen von dort. Grund für das Mulesing ist die Fliegenmadenkrankheit (Myiasis), die durch das Abschneiden von Hautfalten verhindert werden soll. VIER PFOTEN spricht sich vehement gegen Mulesing aus. Die globale Stiftung für Tierschutz engagiert sich dafür, dass Textilunternehmen ausschließlich mulesing-frei zertifizierte Woll-Produkte anbieten. Inzwischen haben sich mehr als 180 internationale Bekleidungsmarken gegen Mulesing ausgesprochen. Auch beim Kauf von Wollgarnen für den selbstgestrickten Pullover sollten Konsument*INNEN vorsichtig sein. Denn auch Strickgarne können von australischen Mulesing-Schafen stammen.

VIER PFOTEN rät bei Wolle: Verbraucher*INNEN können sich vor dem Einkauf über Marken und Händler direkt im Geschäft oder im Internet informieren. Folgende Labels zeichnen Wolle aus, die frei von Mulesing ist: Responsible Wool Standard (RWS), ZQ Merino, Nativa und New Merino. Alle anderen Marken können Mulesing-Produkte beinhalten. Bei australischer Wolle gilt das sogar für Bio-Siegel, denn diese schließen in Australien Mulesing nicht aus.



Kaschmir, Mohair und Alpaka-Wolle


Kaschmirziegen, Angoraziegen und Alpakas leiden vor allem unter den fehlenden Tierwohlrichtlinien in den größten Produktionsländern. Die Tiere werden meist extensiv gehalten. Das bedeutet, dass sie den Großteil draußen auf der Weide oder in der Steppe sich selbst überlassen werden. Die Folgen sind oft unzureichende Verpflegung, kein Schutz vor Wind und Wetter, ausbleibende oder zu späte ärztliche Versorgung sowie eine fehlende Mensch-Tierbeziehung. Letztere löst vor allem Stress und Panik aus, wenn es zur Schur oder notwendigen Behandlungen (z.B.: Wurmkur) kommt, da die Tiere sehr scheu und den Kontakt nicht gewohnt sind.

Babyalpaka //Photo: Alec Favale/Unsplash

Alpaka-Wolle liegt voll im Trend. In Deutschland werden rund 20.000 Alpakas gehalten. Allerdings leben 3,5 Millionen der weltweit rund 4,4 Millionen Tiere in Peru. Aus dem Andenstaat stammt 90% der für den Weltmarkt produzierten Alpakawolle. Problematisch: Es gibt bei der Alpaka-Haltung noch keine Tierwohlstandards. Damit die Tiere nicht weglaufen, werden diese zur Schur oft mit Seilen in einer Art Schurvorrichtung festgebunden. Alpakas haben dabei Todesängste und fangen vor lauter Stress und Angst an, Speisebrei hochzuwürgen. Kaschmir ist das ultraweiche Unterhaar von Kaschmirziegen, das vor allem für Pullover und Accessoires im Premium-Bereich verwendet wird. 90% der Kaschmirproduktion stammt aus China, der Mongolei und Tibet und in kleineren Mengen wird auch in Afghanistan, Iran und sogar Australien und Neuseeland produziert. Jährlich leiden über 100.000 Kaschmirziegen vor allem unter dem sogenannten „Kämmen“. Um an das besonders feine Unterhaar zu kommen, wartet man nicht ab, bis die Tiere es von allein auf natürliche Art und Weise verlieren: Statt das Unterhaar vorsichtig herauszukämmen, wird es den Tieren im Akkord mit Metallkämmen schmerzhaft herausgerissen. Es gibt einen Kaschmirstandard, der leider genau dieses Problemthema nicht verhindert. Deshalb raten Tierschutzorganisationen davon ab, Kaschmirprodukte zu kaufen. Mohair bedeutet aus dem Arabischen übersetzt: „Stoff aus Haaren“. Die Wolle stammt von Angora-Ziegen und gehört zu den leichtesten Textilfasern, die es gibt. Je älter ein Tier ist, desto dicker sind seine Haare. Das lange weiß-gelockte Fell ist besonders seidig und weich und deswegen in der Textilindustrie heiß begehrt. Die Wolle wird verwendet, um Pullover, Mützen, Schals, aber auch Decken, Teppiche, Perücken und Kinderspielzeug herzustellen. Die Hälfte des weltweit vertriebenen Mohairs stammt aus Südafrika. Der Rest kommt aus den USA, Australien und der Türkei. Millionen Angoraziegen müssen für ihr begehrtes Haar leiden. Ein Tierwohlstandard ist derzeit in der Entwicklung aber noch nicht getestet. VIER PFOTEN rät bei Kaschmir, Mohair und Alpaka: Da Tierwohl-Standards entweder noch nicht ausreichend geprüft sind oder Probleme nur unzulänglich angegangen werden, rät VIER PFOTEN von der Verwendung bzw. dem Kauf dieser Garne ab. Die Organisation steht im ständigen Austausch mit Zertifizierern und dem Handel, um Verbesserungen für die Tiere zu erwirken. Positive Eigeninitiativen von Marken und dem Handel sind hier ein wichtiger Hebel, um langfristige Verbesserungen zu gewährleisten.



Angorawolle


Angora-Kaninchen //Photo: Chan Swan/Unsplash

Angorawolle ist besonders flauschig, stammt vom Angora-Kaninchen und wird als Luxustextil gehandelt – ebenso wie Kaschmir und Mohair. 90% der Angorawolle stammt aus China. Das Land hält rund 50 Millionen Tiere. In China gibt es keine Tierschutzgesetze und Tierquälerei wird nicht bestraft. Angora-Kaninchen werden alle drei Monate grausam gerupft oder geschoren. Nach zwei bis fünf Jahren wartet auf die Kaninchen die Schlachtbank. Die Kaninchen werden systematisch überzüchtet, sodass es zu Sehbehinderungen und Augenkrankheiten kommen kann und aufgrund des unnatürlich starken Fellwuchses können die Tiere Hitze nicht mehr selbst regulieren. Zudem sind Angora-Kaninchen sehr soziale Tiere und brauchen Gesellschaft und viel Platz zum Rumhoppeln. Deshalb ist es nicht artgerecht, die Hasen ihr ganzes Leben in winzig kleine Käfige zu sperren. Durch diese Haltung können sie kaum ihre natürlichen Verhaltensweisen ausüben. Es kommt durch den Platzmangel zu Deformationen der Wirbelsäule, Verletzungen an den Pfoten und Beinen sowie Verhaltensstörungen und Aggressionen durch die Unterforderung. VIER PFOTEN rät bei Angorawolle: Es gibt keine tierfreundliche Produktion von Angorawolle und daher ist auch jeder Angora-Tierwohlstandard inakzeptabel. Deshalb wird die Verwendung und der Kauf von Angorawolle vehement abgelehnt.



Daunen


Daunen in Jacken, Kissen, Decken und ähnlichen Produkten stammen in der Regel von Gänsen und Enten aus der Intensivtierhaltung. Und damit nicht genug – im schlimmsten Fall leiden die Tiere unter grausamem Lebendrupf oder Stopfmastproduktion. VIER PFOTEN rät bei Daunen: Möchten Verbraucher*INNEN Tierleid ausschließen, empfiehlt VIER PFOTEN, auf Daunen-Alternativen (Mais/PLA, PrimaLoft, Bambus, Organische Baumwolle, Kapok, Arvenspäne, Recyceltes Polyester) zurückzugreifen. Diese nehmen es in puncto Wärme und Qualität locker mit Daunen auf. Wer auf Daunen nicht verzichten kann, kann sich vor dem Einkauf über Marken und Händler*INNEN direkt im Geschäft oder im Internet informieren. Folgende Labels schließen Lebendrupf und Stopfmast aus: Responsible Down Standard (RDS), Global Traceable Down Standard (Global TDS) oder Downpass 2017.



Pelz und Kunstpelz


Mützen mit Pelz-Pompoms, Fellbesatz an Kapuzen, Krägen, Handschuhen oder Schuhen: Hinter jeder noch so kleinen Pelzapplikation kann sich enormes Tierleid verbergen. Denn trotz massiver Aufklärung halten sich noch immer viele Irrtümer: So wird Echtpelz nicht immer gekennzeichnet, sondern oft als Kunstpelz deklariert. Auch die Annahme, dass es tierfreundlich hergestellten Echtpelz gibt, ist ein Irrglaube. Zertifizierungen wie „ethisch korrekter Pelz“ oder „tierfreundlicher“ europäischer Pelz sind Bezeichnungen, die sich Modehersteller überlegt haben, um den Abverkauf dieser Pelzprodukte zu fördern. VIER PFOTEN setzt sich für ein pelzfreies Europa ein und ist als Repräsentant des „Fur Free Retailer Program“ in Deutschland, Österreich, Bulgarien, Südafrika und Australien maßgeblich daran beteiligt, große Modehäuser zu einer pelzfreien Zukunft zu bewegen. VIER PFOTEN rät bei Pelz und Kunstpelz: Pelz steht immer für leidende Tiere und auch Kunstpelz kann Echtpelz sein. Deswegen rät VIER PFOTEN vom Kauf jeglicher Pelzprodukte ab.



Leder


Leder wird oft als sogenanntes Nebenprodukt der Fleischproduktion wahrgenommen. Aber auch die Herstellung von Leder ist mit Schmerzen für die Tiere verbunden. Informationen darüber, woher Unternehmen Leder für Schuhe, Gürtel oder Jacken beziehen, gibt es kaum – und somit gibt es auch keinen Tierschutzstandard. Außerdem sind bisher kaum Herkunftslandbezeichnungen auf Lederprodukten zu finden. VIER PFOTEN ist derzeit kein Unternehmen bekannt, dass die komplette Lederlieferkette im Hinblick auf Tierschutzaspekte transparent offenlegt. VIER PFOTEN rät bei Leder: VIER PFOTEN fordert tierfreundliche Verbraucher dazu auf, auf Lederprodukte zu verzichten. Es gibt bereits viele attraktive Leder-Alternativen.



Alternativen zu Tierprodukten


Es gibt eine breite Auswahl an Alternativen an Produkten, für die kein Tier leiden musste:

  • Wollalternativen: Organische Baumwolle, Lyocell/Tencel, Hanf, Leinen, Modal, Recyceltes Acryl

  • Daunenalternativen: Mais/PLA, PrimaLoft, Bambus, Organische Baumwolle, Kapok, Arvenspäne, Recyceltes Polyester

  • Lederalternativen: Ananasleder (Piñatex), Pilzleder (MuSkin), Leder aus Fasern der Bananenpflanze (Bananatex) oder Kunstleder (Polyurethan).

Martina Stephany: „Die Konsument*INNEN haben es selbst mit in ihrer Hand, mehr Tierwohl auf die Agenda zu setzen: Sie können bei Marken und Händlern nachfragen, woher die Textilien kommen, wie die Tiere gehalten werden und vor allem, wie Tierschutz verlässlich sichergestellt werden kann. Damit üben sie Druck aus und helfen, die Haltungsbedingungen für Tiere zu verbessern. VIER PFOTEN arbeitet im Austausch mit der Industrie daran, Lösungen für die Tiere zu erarbeiten. Doch ganz ohne Hilfe der Verbraucher*INNEN wird es nicht gehen. Und nicht vergessen: Auch wenn sie bewusst nachhaltige Materialien kaufen, die nicht von Tieren stammen, ist das ein Statement für den Tierschutz.“

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