• Stephanie Morcinek

Midlife Crisis bei Frauen – ja, die gibt es, leider!

Aktualisiert: Sept 24

Wer denkt, nur Männer erleben die Midlife Crisis, in der sie sich klischeehaft einen Porsche kaufen und plötzlich Frauen daten, die ihre Töchter sein könnten, der irrt sich. Auch Frauen bekommen Lebensmitte-Panik. Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen.

Auch Frauen packt irgendwann die Lebensmitte-Krise / Photo: © Unsplash/Averie Woodard

Es ist die Leichtigkeit, die wir mit Jungsein verbinden. Unbeschwert nach vorne blicken, ohne Angst der Zukunft entgegen, es gibt kein gestern, nur ein 'Was kommt als nächstes'. Doch irgendwann im Leben stehen wir vor dem turning point. Es ist ein Augenblick, in dem wir spüren, dass sich etwas verändert. Mit uns, mit unserem Leben. Schwere macht sich breit, das Grübeln setzt ein und drückt auf unsere Laune. Meistens passiert das irgendwann zwischen 35 und 45. Eine klassische Midlife Crisis. Die verbinden wir eigentlich mit dem etwas angestaubten Bild von grauen Herren in heißen Kutschen mit seeehr jungen Beifahrerinnen, aber auch Frauen haben keine unsichtbares Schutzschild, das die Schwere der Lebensmitte abhält und sie abprallen lässt.


Die Midlife Crisis – ein Fall für die Wissenschaft


Der Begriff der Lebensmitte-Krise stammt vom kanadischen Psychoanalytiker Elliot Jaques, der ihn 1965 prägte. Der Wissenschaftler untersuchte die Schaffenskrisen Dantes, Raphaels, Beethovens und Goethes und stellte ein Muster fest: nämlich das des Strauchelns mit ungefähr 35 Jahren. Doch was Jaques auch herausfand: Nach dem Straucheln in der Lebensmitte kamen powervolle Jahre nach. Alle Herren gingen gestärkt aus der Krise hervor. Etwa 20 Jahre nach Jaques Untersuchung stellte die JournalistIN und AutorIN Gail Sheehy mit einer Untersuchung unter 115 Männern und Frauen zwischen 17 und 50 Jahren, die in ihrem Buch "Passages – In der Mitte des Lebens" niedergeschrieben ist, fest, dass auch Frauen eine Midlife Crisis erleben und wir keinesfalls gefeit sind vor Unwohlsein, Ungewissheit, Sinnleere und dem großen Fragezeichen des Lebens: Was kommt noch?


Die Wissenschaft streitet seit Jahren über die Sinnkrise in der Lebensmitte. Einige Forscher*INNEN behaupten, das Leben verlaufe in einer U-Kurve, in der Phase zwischen 40 bis 50 seien Menschen demnach unzufriedener und neigen eher zu Depressionen. Primatolog*INNEN wollen sogar herausgefunden haben, dass selbst große Menschenaffen wie Orang-Utans eine Sinnkrise in ihrer Lebensmitte haben. Der Psychologe C.G. Jung beschreibt, dass den Menschen Mitte 30 mehr und mehr ihre eigene Endlichkeit bewusst wird. So dramatisch das klingt, aber der Tod rückt näher. Vielleicht weil die Großeltern oder sogar die eigenen Eltern sterben. Dann fangen die Fragen über das bisherige Leben an; die Zweifel folgen.


In den Medien wird hauptsächlich von Männern in der Midlife Crisis gesprochen. Frauen kommen entweder in der Rolle der Verlassenen vor, der Geschassten, die plötzlich alleine da steht mit den Kindern, mit grauen Haaren und Falten, während ihr Mann in den Armen einer 15 oder 20 Jahre Jüngeren liegt (die zweite Rolle der Frau im Leben eines Mannes mit Midlife Crises). Entweder ist die Frau also alt und verlassen worden oder super jung und das nette Beiwerk des sinnsuchenden Mannes. Keine schöne Vorstellung und doch auch heute 2020 immer wieder gelebte Realität.


In Sheehys Studie waren die Frauen meist unzufrieden mit einem Leben als Hausfrau und Mutter, ohne Abschluss oder Karriere. Die Männer, selbst solche, die beruflich Erfolg hatten und glücklich sein müssten, sehnten sich nach mehr Privatleben, der Natur, dem Nichtstun. Es ist meist das, was man nicht hat, das man in einer Krise plötzlich vermisst. Man überdenkt seine Entscheidungen und den Lebensentwurf, für den man sich mit Anfang oder Mitte 20 entschieden hat. Sheeneys Studie konnte allerdings auch etwas Positives aufzeigen: Die Unzufriedenheit der Mittdreißiger*INNEN ist gleichzeitig auch ein Neubeginn. Man kann mit Gewissheit sagen, dass sich das Leben wieder normalisieren wird, mit veränderten und überdachten Prioritäten. Doch daran ist nur schwer zu denken, wenn man noch mitten drin steckt in der Krise. So wie Annette K.* (37).

Für Annette fing die Midlife Crisis während eines Traumurlaubs in Südafrika an


Sie war im März auf Safari in Südafrika, an einem der schönsten Orte der Welt, an dem jeder die Sonne genießen, das Meer riechen und auf der Haut spüren kann. An einem Ort, dessen Name schon alleine ein Glücksgefühl auslöst. Doch Annette erzählt: "Und ich sitze da und jammere über mein Leben, das alles ja so bescheuert wäre und ich gar nicht wüsste was ich machen soll. Spätestens da ist mir klargeworden, dass irgendetwas gerade nicht stimmig ist. Vorher hat sich das irgendwie immer mal durch eine Lustlosigkeit gezeigt, die ich nicht zuzuordnen wusste. Aber an einem der schönsten Plätze der Welt zu sitzen und diese Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit in einem zu spüren, war wirklich schlimm für mich. Um nicht zu sagen traurig, denn sollte ich nicht genau in diesen Momenten Glück verspüren!? Da war dieses Gefühl der Überdrüssigkeit, eine Art Verlorenheit, Ziellosigkeit, im schwebenden Zustand zu sein – immer gepaart mit der Frage: What’s next?!"


Ein Job-Wechsel verstärkte dieses Gefühl noch mehr. Wieder ein ähnlicher Job, wieder ähnliche Abläufe. "Soll es das jetzt gewesen sein, mache ich bis zur Rente so weiter?". Schnell wird das eigenen Leben hinterfragt, Entscheidungen von früher genau überdacht. In den 20ern stellen wir die Weichen für unsere Zukunft nach links, rechts oder einfach mittendurch. Was wäre gewesen, wenn wir den Partner verlassen hätten, anstatt mit ihm zusammen zu ziehen? Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich damals den Job angenommen hätte? Wäre ich heute glücklicher, wenn ich mich doch für Kinder entschieden hätte? Vor allem die letzte Frage ist es, die Annette heute umtreibt.


"Ich bereue nicht wirklich das, was ich getan habe oder nicht getan habe, doch ich frage mich, ob ich es vielleicht in der Zukunft bereuen könnte. Und genau dieses Hinterfragen hat meine Sinnkrise ausgelöst", erzählt sie femininINNEN. "Ich führe ein sehr schönes Leben – um nicht zu sagen ein privilegiertes: Ich habe eine tolle Partnerschaft, die auch im Alltag funktioniert – wir agieren als Team, ich bereise die schönsten Orte der Welt – was immer ein Traum von mir war, habe einen tollen Job, bin erfolgreich mit mehr als erträglichem Einkommen – man könnte sagen, ich habe Karriere gemacht. Ich bin meinen Lebensweg gegangen, weil mir Unabhängigkeit (...von einem Mann), Selbstbestimmtheit und meine Flexibilität immer sehr wichtig waren und noch sind. Darüber geht nichts! Sprich: Lieber unromantisch und selbstbestimmt mit 30, als arm und abhängig mit 60. Die letzte Dekade habe ich mich um meine Entwicklung – beruflich wie persönlich – gekümmert. Ich war ganz auf mich fokussiert. Nun habe ich das erreicht und bin da, wo ich sein wollte.


Ich hatte nie einen stark ausgeprägten Kinderwunsch. Vor allem weil dieser meinem Unabhängigkeits- und Flexibilitätsgedanken widerspricht. Und dennoch kommt immer wieder diese Frage in mir hoch – werde ich es bereuen? Das kann es doch nicht gewesen sein, tagein-tagaus auf die Arbeit zu gehen und zweimal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Wie lange befriedigt mich das noch? In diesem Zusammenhang muss ich vielleicht erwähnen, dass ich mit meinem Partner in einer Patchworkfamilie lebe. Sein Sohn nennt mich seine '2. Mama'. Das ist für Außenstehende oft verstörend und wenig nachvollziehbar."


Mir fehlt das erste Mal mein Kompass


Annette muss sich oft Kommentare anhören wie "Also ich könnte das nicht… Mit einem eigenen ist das noch mal ganz was anderes…“. "Doch ich kann sagen, dass es die perfekte Kombi aus Mama-Sein und Freiheit und damit aus Flexibiliät und Selbstbestimmtheit ist. So ein bisschen von allem." Ob ein eigenes Kind Annette wirklich glücklich und zufrieden macht, kann sie nicht sagen. "Ich habe Angst, dass ich durch die Midlife Crisis nur denke, dass ich etwas bereuen könnte und mit eigenem Kind dann auch nicht glücklicher bin. Mir fehlt das erste Mal im Leben mein Kompass, der mir die Richtung weist, die ich gehen soll. Und dieser Weg ist einer, den man ab einem gewissen Zeitpunkt nicht noch mal gehen kann."


Gespräche helfen so oft weiter, doch Annette ist enttäuscht von den Kommentaren, die sie bekommt, wenn sie von ihrer Sinnkrise erzählt. "Ich versuche mit jemandem zu reden, jedoch habe ich noch keinen verwertbaren Input dazu erhalten. Mit Sätzen wie, 'Folge deinem Gefühl' oder 'Das musst Du wissen' kann ich nichts anfangen. Es ist fast so als würde sich niemand trauen wirklich mal seine Meinung kundzutun, aus Angst man könne diese Person im Nachhinein dafür verantwortlich machen."


Doch alle Ratschläge, die man bekommt, können einen vielleicht beeinflussen, die Entscheidung, wie man sein Leben weiterführen möchte, muss jeder selbst treffen. Annette hat für sich entschieden, dass sie etwas machen möchte, das ihrem Leben mehr Sinn geben könnte statt eines eigenen Kindes. "Ich überlege mir eine Extra-Aufgabe zu geben. Ein Sozialprojekt ins Leben zu rufen. Einfach etwas zu machen und auf die Beine zu stellen, das Sinn gibt und eine Spur von mir hinterlässt, wenn ich mal abdanke."


Der Druck ist heute enorm


Kinder könnten diese Spur sein, aber die Frage, ob ein Leben nur mit Kindern einen Sinn ergibt, stellt sich natürlich, wenn man mit Ende 30 immer noch nicht seiner vermeintlich biologischen Verpflichtung nachgekommen ist. Der Druck, dem sich junge Menschen heute stellen müssen, ist ernorm. Für Menschen Anfang 20 stehen durch die Technologie und die Digitalisierung tausende Türen offen. Soll ich studieren, eine Ausbildung machen oder doch lieber auf Weltreise gehen? Soll ich mich jetzt auf die Karriere konzentrieren oder doch lieber der Familienplanung nachgehen? Soll ich nach dem ersten Kind lieber wieder zurück in den Job, in dem ich vielleicht noch etwas erreichen könnte oder doch gleich das zweite bekommen? In der digitalisierten Welt geht es um Tempo, um Wissen, um Erfahrungen, ums Vergleichen mit anderen, deren Leben wir täglich über die Sozialen Medien verfolgen können. Daraus resultiert ein 'Müssen' und wir verlieren das Gefühl dafür, was uns ganz persönlich gut tut und was wir wirklich 'wollen'. Über allem schwebt Zukunftsangst und die Frage: Tue ich gerade das Richtige? Doch keiner kann diese Frage richtig beantworten. Die Lösung muss aus einem selbst heraus kommen.


Das Grübeln über das 'Richtig oder Falsch' des Lebensentwurfes kann sogar krank machen, im schlimmsten Fall zu Angststörungen oder Depressionen führen. Es ist deshalb wichtig, dass sich jeder einzelne darauf vorbereitet und Kanäle schafft, die Frust und Resignation ableiten.


So gehst du gelassen mit der Midlife Crisis um


  1. Lass das Vergleichen! Deine Kommilitonin aus dem Studium hat eine tolle Chefposition inne und du hast es nicht mal zur Abteilungsleiter*IN geschafft? Wer sagt denn, dass sie damit wirklich glücklich ist? Du kannst dein Glück oder Unglück nicht von anderen Menschen abhängig machen, es kommt einzig aus dir! Und wenn du dich ganz persönlich für zwei Kinder und eine freiberufliche Tätigkeit entschieden hast, dann ist das gut und richtig so. Wer weiß, ob deine Ex-Kommilitonin nicht viel lieber dein Leben führen würde...

  2. Triff dich regelmäßig mit deinen Freunden, deiner Familie, pflege soziale Kontakte. Der Austausch mit den Menschen, die uns lieb und wichtig sind, verhindert depressive Verstimmungen und macht uns glücklicher.

  3. Wenn du plötzlich strauchelst, bringt es nichts vorschnell und überstürzt zu reagieren, den Job hinzuschmeißen, die Beziehung zu beenden und ganz von vorne anzufangen. Beobachte dich und dein Umfeld lieber eine Zeit lang. Versuche ein Happiness- bzw. Unhappiness-Tagebuch zu führen, in das du täglich einträgst, was dich glücklich und was dich unglücklich gemacht hat. Nach einiger Zeit von mindestens drei Monaten kannst du Resümee ziehen und dann bewusst eine Entscheidung treffen.

  4. Schreib auf Karteikarten die Dinge auf, die dich wirklich glücklich machen. Im Job. Im Privatleben. Sammel diese Karten und lege sie vor dir auf dem Boden aus. Darauf können auch deine Ziele und Träume niedergeschrieben sein. Vergleiche die Karten mit dem Ist-Zustand deines Lebens. Was kannst du leicht ändern? Wo brauchst du vielleicht Hilfe? Welche Ideen sind utopisch (glaub uns, die wird es auch geben).

  5. Wenn du merkst, immer häufiger schlecht drauf zu sein, auf die kleinste Kleinigkeit emotional zu reagieren, dann suche dir auch professionelle Hilfe. Bei einem Job- oder Life Coach zum Beispiel oder bei einem Therapeuten. Es hilft manchmal sehr weiter, mit dir völlig fremden Menschen zu sprechen, die dein Leben wertfrei ohne jegliche Hintergrundinformationen über dich betrachten.

Solltest du gerade mitten drin stecken in der Midlife Crisis, dann können wir dir einen positiven Gedanken mitgeben: Es wird besser! Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Denn was die Forscher*INNEN in diversen Studien herausgefunden haben, ist, dass die Menschen zwar ihr Leben hinterfragen und stark grübeln, dass aus dieser Krise aber immer etwas Neues hervorgeht, das sie insgesamt glücklicher macht. Wir konzentrieren uns stärker auf unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse, lernen dabei über uns, müssen uns ganz stark mit unserem Ich beschäftigen. Wir erkennen dabei, was wirklich in unserem Leben zählt. Und leben mit diesem Zustand – so dramatisch es auch klingt – unserem Ende glücklich entgegen.


*(Name von der Redaktion geändert)

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