• Stephanie Morcinek

Melodie Michelberger: Jetzt ist Zeit für Body Politics


Ihr Vater nannte sie "Nilpferd", ihre Mutter verbot ihr mit acht Jahren einen Volant-Rock zu kaufen, weil darin "ihr Hintern so dick sei": Melanie "Melodie" Michelberger fing schon sehr früh an, sich mit ihrem Körper und dessem Ideal zu beschäftigen. Und wenn wir mal ehrlich zu uns sind, stand doch bei jeder von uns der Körper schon mal im gnadenlosen Scheinwerfer-Licht unseres Selbstwertgefühls. Für Melodie brannte sich die Vorstellung eines idealen und vor allem dünnen Körpers so fest ein, dass sie eine Magersucht entwickelte und sich ihr Leben ständig um Oberschenkel, Bauchfett oder einen zu üppigen Po drehte. Über diesen Kampf und ihren Weg zur Body Positivity hat die 44 Jahre alte ehemalige Mode-Redakteurin und PR-Beraterin jetzt ein Buch geschrieben, das aufzeigt, wie uns die Schönheitsindustrie in einen Wahn treibt, der leider in vielen Fällen zu Krankheiten wie Magersucht oder Bulimie führen und dauerhaft krank machen kann. Unser Lesetipp für dich: "Body Politics".


Plädiert für einen milderen Umgang mit unserem Körper: Melodie Michelberger // Foto: Julia Marie Werner

Body Politics: Der Körper als Feindbild, das ständig verändert werden muss


Seit Melodie Michelberger acht Jahre alt ist, rückte ihr Körperbild in ihren Lebensmittelpunkt. Das fing mit mit dem Volantrock an und ging damit weiter, dass sie es höchst spannend fand, wenn ihre Mutter und Tante zu Weight Watchers-Treffen fuhren, auf denen es nur ums Essen und den Körper ging. Eine Gemeinschaft der Hungernden, die alle das Ziel des idealen Bodys im Blick hatten und sich ständig mit Zahlen beschäftigten, die auch für Melodie bald eine wichtige Rolle spielen sollten. "Gewicht, Kleidergrößen, BMI, Cholesterinwerte, Kalorienangaben. Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der diese Zahlen keine Rolle spielten."


Die Zahlen wurden zu Messinstrumenten für ihren Selbstwert. "Ich war besessen davon, meinen Körper zu verkleinern, zu schrumpfen, zu formen, zu verschlanken und zu straffen. Ich wollte Fett verbrennen, meiner Figur schmeicheln, meinen Bauch glätten, Problemzonen kaschieren, Rundungen bekämpfen, die Waage besiegen, Kleidergrößen reduzieren, und alles in dem Glauben, damit die beste Version meiner selbst zu werden." Woher diese Gedanken kamen? Es war wohl und ist das von der Gesellschaft allgemeingültige Bild der schlanken Frau, die als schön und begehrenswert galt und auch heute noch gilt.





Der Diät-Wahn geht los


Mit zwölf Jahren der erste Obsttag, danach kamen die Frauenzeitschrift-Diäten wie "Die beste 1-Tages-Diät", "Schlank-Tricks mit Tomaten" oder "Schlank-Wunder Eiweiß-Quark". Beim Lesen der Diät-Aufzählungen kam auch ich mir direkt ertappt vor, denn auch ich hatte schon die "Ananas-Diät", eine Diät mit einem Ersatz-Drink und zahlreiche Schlank-Tage mit einem vermeintlichen Abnehm-Wunderlebensmittel hinter mir. Zu den Diäten kamen bei Melodie Tanz-Einheiten vor dem Spiegelschrank der Eltern, auf denen sie im Teenager-Alter zu Kylie Minogues "I should be so lucky" Calanetics-Übungen turnte, die ihr zu einem ebenso schlanken Körper wie dem der Models in den Videos verhelfen sollten, sie dabei aber nur darin bestärkte, ihren Körper auf vermeintliche Makel abzusuchen, die die Models nicht hatten. "Jede Hautfalte nahm ich genau unter die Lupe. Das war meine Freizeitbeschäftigung". Und die führte letztendlich dazu, dass Melodie eine Magersucht entwickelte. "Oft lag ich hungrig im Bett und malte mir aus, wie wunderbar das Leben sein würde, wenn ich endlich dünn wäre."


Hört auf, Menschen für ihre schlanken Körper zu loben


Ihr Umfeld bestärkte sie auch noch darin, noch weiter abzunehmen, sich noch intensiver mit dem Körper zu beschäftigen. Sprüche wie: "Du bist ja schön schlank geworden. Siehst toll aus!" sind zwar nett gemeint, für Menschen mit einer Esstörung befeuern sie jedoch noch mehr, den Körper zu formen, zu verändern, zu gestalten, wie es die Gesellschaft für richtig hält.


Wie Melodie Michelberger in "Body Politics" schreibt, ging sie nach einem Austauschjahr in den USA, wo die Hülle oft mehr zählt, als der Mensch darunter, auf ein Ernährungswissenschaftliches Gymnasium. Wieder im Fokus: Ihr Körper. Nach dem Abi fing sie in Hamburg an, Textiles Werken und Deutsch auf Lehramt zu studieren, dass sie jedoch nach ein paar langweiligen Uni-Monaten gegen ein Praktikum bei der Zeitschrift Amica eintauschte. "Alle in der Redaktion waren schön schlank und phantastisch angezogen. Ich dagegen fühlte mich wie der Trampel vom Dorf".



Doch die Arbeit mit Mode erfüllte Melodie. Durch eine Empfehlung wurde ihr eine Stelle als ModeassistentIN bei der Zeitschrift Brigitte angeboten. Ein Traum ging in Erfüllung, der für einen Menschen, der ein falsches Körperbewusstsein hat, jedoch schnell zum Albtraum werden kann. Die berühmten Brigitte-Diäten wurden von der gesamten Redaktion ausprobiert. Melodie durfte sogar für eine der Diäten das Cover-Model sein. Sie dachte, weil sie das "Vorher"-Bild geben sollte. "Auf die Idee, dass eine lachende, Gemüse waschende Frau natürlich das Idealbild zeigte, nach dem die Leser*INNEN streben sollen, kam ich gar nicht."


Melodie wollte die gleichen Teile anziehen, die von den unnatürlich schlanken Models in ihren Fotoproduktionen getragen wurden. Sie ging dafür exzessiv joggen, kontrollierte ihren Puls, ob er auch schön im Fettverbrennungsmodus blieb. Doch in einem neuen Job für einen angesagten Designer merkte sie, dass sie dessem Frauen-Ideal (großer Busen, Wespentaille, schmale Hüfte) niemals gerecht werden konnte, da ihr Körper ganz anders geformt war. "Mich nervte das Hungern, die Schwankungen, der Jo-Jo-Effekt und die Hartnäckigkeit, mit der mein Körper an den Kilos festzuhalten schien." Es folgte eine Phase, in der Melodie Diätpillen aus China schluckte, manisch mitten in der Nacht die Wohnung putzte, kaum schlief, Herzrasen hatte. Eine Diät wie auf Speed.


Und wer bekam diesen Frust ab? Nicht mein Mann, mein Chef oder die Gesellschaft, sonder mein eigener Körper.

Doch das änderte sich, als Melodie schwanger wurde. Sofort wurden die Brüste weicher, der Körper runder, Po und Hüften üppiger. Sie lies ihren Körper machen, doch immer begleitet von der Angst, die Babypfunde niemals wieder loszuwerden. Nach der Geburt fiel ihr direkt wieder der Körperhammer auf den Kopf. sie fühlte sich schrecklich in ihrem "schlaffen" Body, kaschierte ihn mit Fashion in Oversize-Schnitten. Fünf Monate nach der Geburt kehrte sie Teilzeit in ihrem Job zurück. Die Balance zwischen Kind und Karriere forderte sie sehr. "Zwischen dem anstrengenden Job, einer lieblosen Ehe und der einengenden Mutterrolle blieb kein Platz für mich. Ich wünschte mir meine Freiheit und Selbstbestimmung zurück. Und wer bekam diesen Frust ab? Nicht mein Mann, mein Chef oder die Gesellschaft, sondern mein eigener Körper. Hunger schlich sich als altbekannter Begleiter wieder in mein Leben."



Was dann folgte lässt sich schnell mit Ehe-Aus, verhängnisvolle Affäre mit einem Mann, der ihren Körper belächelte, beschimpfte, sie betrog und erneuten Hungerkuren zusammenfassen. Sie dachte allen Ernstes, dass sie nicht genüge, dass es an ihrem Körper lag, dass sie sich mehr anstrengen und weiter abnehmen musste, um diesem Mann zu gefallen.


Body Politics: Vom Diätwahn zum Burn-Out


Melodie beschreibt, dass sie zu diesem Zeitpunkt völlig erschöpft war. Sie musste funktionieren. Für ihren Sohn, für ihren Job, für diesen Mann. Doch irgendwann konnte sie nicht mehr und brach während der Arbeit zusammen. Eine NervenärztIN diagnostizierte ein Burn-Out, ein Ausgebranntsein, das vielleicht erst nach einem Jahr oder sogar länger ausgeheilt sein würde. "Den Monat nach der Diagnose verschlief ich. Irgendwann lag die Kündigung im Briefkasten. [...] Eine Woche später zog der Mann mit den Worten 'Mit dir ist nichts mehr anzufangen' aus. Ich saß ganz tief unten im schwarzen Loch."


Ihr Therapeut fragte sie, welche positiven Gefühle sie für ihren Körper hatte. "Ich hatte keine Antwort [...] Ich hasse meinen Körper! Ich hasse meinen schwabbeligen Bauch [...] Ich hasse meinen runden Po [...] Ich hasse meine hängenden Brüste [...]. Bis ich irgendwann sagte: 'Ich find's krass, dass mein Körper immer noch da ist, obwohl ich viele Jahre so scheiße zu ihm war.'"


Body Politics: Melodie Michelberger ist heute Body Image AktivistIN und Vorbild für Body Positivity


Heute ist Melodie Vorbild für Body Positivity und einen milden und gnädigen Umgang mit unserem Körper. Im Buch "Body Politics" beschreibt sie, wie sie es geschafft hat, den Diätwahn hinter sich zu lassen und ihre Einstellung zu ihrem Körper grundlegend zu ändern. Als Body Image- und FettaktivistIN setzt sie sich heute dafür ein, dass die Begriffe fett und dick nicht mehr negativ konnotiert und als Schimpfworte verwendet werden. Sie will den Druck sichtbar machen, unter dem weiblich gesprochene Personen stehen und erklärt in ihrem wunderbar geschriebenen Buch, was der Körper mit dem Patriarchat und Feminismus zu tun hat. Außerdem interviewt sie weitere FettaktivistINNEN wie Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum oder Maria González Leal alias BodyMary und bringt damit auch noch die Sichtweisen von schwarzen FettaktivistINNEN mit ein, die noch mal ganz andere Blickwinkel beleuchten.





"[...] In diesen letzten fünf Jahren veränderte sich mein Körper [...] zu dem, was er heute ist. Ich wurde größer, weicher und runder als je zuvor. Mit dem wachsenden Körper kam ein neues Gefühl der Sicherheit. Ich bin dankbar dafür, was mein Körper geleistet hat. Jetzt wo er schwerer ist, voluminöser, bin ich ihm eine bessere FreundIN als in all den Jahren zuvor."


Doch den kompletten Absprung aus der Abnehm-Spirale hat Meldodie Michelberger leider immer noch nicht ganz geschafft. Wie sie dem HR Inforadio verriet, erwische sie sich immer noch dabei, wie sie doch wieder über ihren Körper und ihr Gewicht nachdenke. Doch sie hofft sehr, dass durch ihre Arbeit eine größere Akzeptanz für dicke Körper gefunden wird, so dass sich niemand mehr für seine Hülle schämen oder rechtfertigen muss.


Melodie Michelberger "Body Politics", Rowohlt Polaris, 224 Seiten, 18 Euro

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