• Stephanie Morcinek

Mit 65 Jahren allein durch Asien: Die Frau mit dem Reise-Gen

Wir wünschen uns, mit 65 Jahren auch ein bisschen so zu sein wie Margot Flügel-Anhalt. Die ThurnhosbacherIN reiste erst 117 Tage und über 18.000 Kilometer auf einer alten Honda durch Osteuropa und Zentralasien, fuhr kurze Zeit später mit ihrem alten Benz erneut los, um Südostasien zu erkunden. Immer mit dabei: Ihre gute Laune, ihre Neugier und ihr gnadenloser Optimismus. Sie schreibt, dass ihr Fernweh angeboren sei und sie vielleicht sogar mit dem "Reise-Gen" auf die Welt kam, von dem der amerikanische Evolutionsbiologe Justin Garcia behauptet, jeder fünfte Mensch trage es in sich. Für uns ist die 65-Jährige ein femininINNEN-Vorbild. Eine Frau, die sich nicht vom Außen beeinflussen lässt, sondern das tut, zu dem sie sich berufen fühlt. Ohne Angst oder Blockaden im Kopf. Über die Reise mit dem alten Benz hat Margot-Flügel-Anhalt das Buch "Einfach abgefahren" geschrieben. Wir durften mit ihr darüber sprechen, welche Rolle Reisen in ihrem Leben spielt, ob es einfacher ist, unterwegs zu sein, wenn man schon ein gewisses Alter erreicht hat und ob es Momente gab, in denen sie dachte: "Warum mach ich das hier eigentlich?".

Margot Flügel-Anhalt, die Frau mit dem Reise-Gen // Fotos: Margot Flügel-Anhalt

femininINNEN: Corona zwingt uns gerade alle, das Reisen zu pausieren. Wie geht's Ihnen damit?

Margot Flügel-Anhalt: "Ich konnte erstaunlicherweise trotz Corona reisen – eben innerhalb Deutschlands. Mit dem Motorrad bin ich in die Vulkaneifel und mit meinem Kajak auf Werra und Weser gefahren. Weil ich keine Unterkunft gefunden habe, musste ich draußen im Freien zelten. Mein jüngerer Sohn Philip hat mich begleitet. Außerdem habe ich großes Glück, im ländlichen Raum zu leben. Hier bin ich völlig frei und muss nicht wie Menschen in der Stadt dorthin gehen, wo alle sind."


Welche Rolle spielt Reisen in ihrem Leben?

"Das Reisen wurde mir in die Wiege gelegt. Während andere Stricken oder irgendwelche anderen Hausarbeiten für sich entdeckt haben, war ich am liebsten unterwegs. Mit 24 war ich für 13 Monate in Marokko. Als meine Kinder noch klein waren, sind wir ein halbes Jahr mit dem Wohnmobil durch Portugal gefahren. Als sie dann in die Schule mussten, wurde es zwar etwas schwieriger mit dem Losfahren, aber ich habe jede freie Minute genutzt, war zu Fuß zum Beispiel auf dem Jakobsweg unterwegs oder bin mit der Transibirischen Eisenbahn gefahren."



Wie reagiert denn ihr Umfeld auf das viele Unterwegssein?

"Meine Kinder und die Leute kennen mich nicht anders (lacht). Für mich ist es ein großes Glück, unterwegs zu sein. Wenn ich nicht mehr reisen würde, würden sich die Leute echt wundern..."


Erst waren Sie mit dem Motorrad unterwegs durch Zentralasien, danach sind Sie mit dem Benz nach Südostasien gereist. Was unterscheidet die beiden Reisearten?

"Ich wäre auch durch Südostasien mit dem Motorrad gefahren, aber da es Winter war und Pakistan und der Iran sehr hoch liegen, habe ich mich aus rein praktischen Gründen für den Benz entschieden. Außerdem gibt es in Indien viele Schlaglöcher und sehr schlechte Straßen. Der Benz ist wesentlich bequemer und nicht ganz so gefährlich. Man fällt nicht so leicht um (dazu unbedingt die Reportage in der Mediathek anschauen, d. Red.)."



Kirgistan, Iran, Myanmar: Die Länder, die Sie bereist haben, sind jetzt nicht die klassischen Reiseziele. Woher nehmen Sie Ihren Mut?

"Ich will unbedingt unterwegs sein und die Länder in Zentral- und Südostasien interessieren mich sehr. Ich brauch gar keinen Mut. Es reicht, mit Resilienz zu reagieren. Auf derartigen Reisen werden Probleme auftreten, aber sie lassen sich alle lösen. Aber ich muss auch zugeben, dass ich ein paar Tage vor der Abfahrt schlaflose Nächte und Bedenken hatte, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Aber ich bin mit Impfungen etc. soweit abgesichert. Und ich weiß, dass ich jederzeit abbrechen kann und ich es irgendwie schon wieder nach Deutschland zurückschaffe."



Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben: Warum mach ich das hier eigentlich?

"Zu keinem Zeitpunkt! Jeder Augenblick, auch wenn er noch so schmutzig, grausam und schwierig sein mag, fasziniert und bereichert mich."


Gab es denn Momente, die Ihnen ganz besonders im Gedächtnis geblieben sind?

"Als ich mit der Honda unterwegs war, war es der Moment, als ich im Pamir-Gebirge auf dem KyzyArt-Pass im Schnee-Schlamm gescheitert bin und mithilfe des Film-Teams da rausgekommen bin und entlang der chinesischen Grenze die Fassung wiedererlangt habe. Es fühlt sich so toll an, wenn die schwierige Situation überwunden ist. Von der Benz-Reise ist mir die Gastfreundlichkeit der Menschen besonders in Erinnerung geblieben. Immer wenn ich Hilfe gebraucht habe, haben sie nicht gezögert, mir ihre anzubieten. Obwohl ich sie als alleinreisende ältere Frau in eine ungewöhnliche Situation brachte."


Ist das Reisen ihrer Meinung nach einfacher, wenn man schon ein gewisses Alter hat?

"Ich habe auch mit jüngeren Frauen und Männern gesprochen und wir haben alle die gleichen Erfahrungen gesammelt, es gab da keine Unterschiede. Die Gastfreundschaft der Menschen in Asien ist sehr hoch, das Geschlecht und das Alter spielen keine Rolle. Doch natürlich hängt es auch sehr davon ab, wie man sich präsentiert. Die Regeln der Bekleidung und der Höflichkeit sollte jede:r Reisende einhalten. Gewalt gegen Frauen erfolgt ganz oft aus den eigenen Reihen, nicht immer vom fremden bösen Mann. Ich bin auf dem Weg nach Santiago de Compostela durch den Wald gewandert, und da war kein einziger Räuber (lacht)."


Corona hält uns zwar noch etwas zurück, aber wohin zieht es Sie als nächstes? Mit dem Fahrrad nach Südafrika zum Beispiel?

"Ja, ich bin tatsächlich dabei, eine Fahrradreise zu planen. Eine Tour von meiner Heimatstadt Tuttlingen aus an der Donau entlang bis zu ihrer Mündung im Schwarzen Meer. Mit dem E-Bike oder dem Kajak – oder beidem. Außerdem würde ich gerne den Ararat besteigen, den über 5000 Meter hohen Berg an der Grenze von Türkei, Iran und Armenien."


Wir würden am liebsten sofort die Koffer packen und mit Margot gemeinsam los. Vielen lieben Dank für das interessante, offene Gespräch!


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