• Stephanie Morcinek

Darum feiern wir im Juni den Pride Month

Aktualisiert: Juni 4

Der Juni ist normalerweise der bunteste Monat des Jahres. Im Pride Month ziehen auf den Pride-Paraden oder verschiedenen Veranstaltungen zum Christopher Street Day weltweit gut gelaunte und regenbogenfarben-gekleidete Menschen der LGBTQIA+ Community durch die Straßen. Das ist laut, das ist fröhlich, doch vor allem ist es extrem wichtig, da die Community auf Diversity, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Defizite aufmerksam macht. Wir verraten, was genau dahinter steckt und erklären dir die wichtigsten Begriffe, die du kennen solltest.

Happy Pride! Der Juni wird jedes Jahr zum Monat der LGBTQ+-Community // Foto: Unsplash / Brian Kyed

Die Luft in der Londoner Tube am 6. Juli 2018 war mehr als stickig. Beim Einatmen füllten sich meine Lungen mit einer gefühlt auf 44 Grad erwärmten gasförmigen Masse aus Underground-Mief und Feinstaub. Meine Haare hatten sich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit bereits in wilden Babylocken gen Himmel gerichtet, mein Tigerrock klebte an meinen Beinen, über den Zustand meiner Füße in meinen schwarzen Slip-ons will ich hier gar nicht erst anfangen. Neben mir mein ebenfalls vor Hitze ächzender bester Freund sowie mein gepunkteter Rollkoffer, in dem mein Regenbogen-Overall aus den 70's steckte, den ich während eines Roadtrips in einem Second Hand Shop in San Francisco fand, und der jetzt nur darauf wartete endlich ans Tageslicht und an meinen Körper zu dürfen. Zwar mit etwas Verspätung zum Pride Month im Juni, dafür mit noch mehr Wums hatte sich London in sein schönstes Regenbogen-Outfit geschmissen. Wohin wir auch schauten, sahen wir die sechs Regenbogenfarben. In den Schaufenstern der Oxford Street, in den Cafés und Pups, auf dem Boden mit Rainbow-Teppichen und -Zebrastreifen und sogar der Londoner Fernsehturm hatte einen buntes Digital-Laufband verpasst bekommen.


Der Pride Monat und seine vielen Feiern und Paraden ist eine einzig große Party. Schon abends vor dem großen Umzug am Samstag zogen wir in Soho durch die kleinen Bars und endeten mit aufgemalten Regenbogenfahnen auf der Wange in unserem Lieblingsschuppen, dem Village, wo wir den den tollsten und aufgeschlossensten Menschen auf 80's- und 90's-Hits tanzten (na gut, ich tanzte eher weniger, weil ich meine Slip-ons gegen schicke, aber leider saumäßig unbequeme Slingbacks tauschen musste), aber immerhin wippte ich sitzend im Takt zu Britney, Christina und Co.


Das hier soll jetzt aber kein Eventbericht meines Pride-Paraden-Erlebnisses werden, es ist vielmehr die Hinführung zum eigentlich Thema, dem wir hier die große Bühne geben wollen: Der Klärung der Frage, warum wir überhaupt Paraden wie zum Pride Month feiern, auf denen wir so unbeschwert und losgelöst tanzen und uns mit der LGBTQ+-Community solidarisieren können.



Die Entstehung der Pride-Paraden bzw. des Christopher Street Days


Der Name Christopher Street Day geht auf die Christopher Street in New York zurück. Die dort ansässige Bar "Stonewall Inn" war in den 60ern ein wichtiger Treffpunkt der queeren Community. Doch Homosexuelle und Trans-Menschen wurden damals von der Gesellschaft ausgegrenzt, von der Polizei drangsaliert, teilweise auch ins Gefängnis gesperrt und ständig bedrängt. Am 28. Juni 1969 fand erneut eine gewalttägige Razzia der Polizei statt, doch an diesem Tag setzen sich die Barbesucher:INNEN zur Wehr. Im Zuge der Auseinandersetzung kam es zu einer Demonstration und tagelangen Straßenschlachten. Die Community demonstrierte gegen die allumfassende Diskriminierung, die sie sich seit Jahren gefallen lassen musste. Am ersten Jahrestag nach diesem Aufstand wurde das Christopher Street Liberation Day Committee gegründet. Seitdem wird in New York am letzten Samstag im Juni, dem Christopher Street Liberation Day, mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis von 1969 erinnert.


Mittlerweile werden die Ereignisse in der Christopher Street weltweit zum Anlass genommen, um Gleichberechtigung in Staat, Recht und Gesellschaft einzufordern. Als Ausdruck ihrer Emanzipation demonstrieren die Anhänger der LGBTQ+ Community auf den verschiedenen Christopher Street Days Lebensfreude und Selbstbewusstsein. In englischsprachigen Ländern wird meistens die "Gay Pride" und nicht der CSD gefeiert. Das Wort Pride (dt. Stolz) steht hier für den Versuch des Widerstands gegen die Scham und das Stigma, das geschlechtliche Minderheiten bis heute immer wieder erleben müssen. Die Gesellschaft ist zwar bereits viel offener und toleranter, aber es gibt trotzdem noch jede Menge Aufklärungsarbeit zu leisten.



LGBTQ+ – was bedeutet das eigentlich?


Beispielsweise über Begrifflichkeiten. Denn mit schwul und lesbisch ist es heute allein nicht mehr getan. Wir sprechen von der LGBTQ+ Community, die für folgendes steht:

L=Lesbian

G=Gay

B=Bisexual

T=Transgender/Transsexual

Q=Queer/Questioning


Doch wenn wir es ganz genau nehmen möchten, müssten wir von LGBTTTQQIAA sprechen, denn neben den bereits genannten fehlen noch:

2/T=Two-Spirit

I=Intersex

A=Asexual

A=Ally

Und es gibt weitere Begriffe wie: Pansexual, Agender, Gender Queer, Bigender, Gender Variant, Pangender.


Ally sein, aber richtig


Gerade in feministischen Kreisen taucht vermehrt das Wort Ally auf. Es stammt aus dem Englischen und bedeutet „Verbündete“. Eine Ally ist eine privilegierte Person, die weniger privilegierten Menschen zur Seite steht, von ihnen lernt und sich für diese einsetzt. Denn durch fremd klingende Nachnamen, durch verschiedene Hautfarben oder die sexuelle Gesinnung entstehen für manche Menschen Nachteile in der Gesellschaft. Wenn wir also auf den Paraden feiern, obwohl wir Cis-Frauen sind (cis=wir identifizieren uns mit dem uns bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht), dann setzen wir damit trotzdem ein Zeichen, weil wir es für die Community tun und damit auf deren Bedürfnisse aufmerksam machen.


Um es noch ein wenig besser zu verdeutlichen, müssen wir den „Guide to Allyship“ der New Yorker Autorin Amélie Lamont nennen, in dem sie wichtige Punkte zusammenfasst, was genau hinter Allyship steckt. Denn sie sagt:


„Nur zu sagen, du bist ein Ally, ist viel einfacher als ein*e gute*r Ally zu sein.“

Allies hören zu, hinterfragen (sich), lernen, setzen sich für andere ein und stärken ihnen den Rücken. Es geht nicht darum, Mitleid auszusprechen, sondern um Unterstützung und die Bereitschaft, andere zu Wort kommen zu lassen und von ihnen zu lernen und gleichzeitig auch das eigene Verhalten zu überdenken.


Eine gute Ally….

  • …erkennt eine Ungerechtigkeit, versteht sie und kämpft dagegen an, als wäre es ihr eigenes Problem.

  • …setzt sich für die Gerechtigkeit ein, auch wenn sie selbst Angst hat.

  • …nutzt ihre Privilegien, um andere zu unterstützen, die diese Privilegien nicht haben.


Diese Themen sind beim Pride Month gerade besonders wichtig


Um die Gesellschaft auf die verschiedenen Bedürfnisse der Communities und Missstände in Gesellschaft und Politik aufmerksam zu machen, werden die Pride-Paraden oder CSDs Jahr für Jahr unter bestimmte Mottos gestellt. In den 1980er- und 90er-Jahren war das z.B. HIV/Aids oder der Paragraph § 175, der der mann-männliche Homosexualität unter Strafe stellte. In späteren Jahren gewannen dann Themen wie die "Ehe für alle" an Bedeutung. Heute stehen viele Events unter den Mottos Akzeptanz oder Respekt.


Doch auch in der queeren Community ist nicht alles so regenbogenfarben, wie es aussieht. Auseinandersetzungen gibt es häufig über die Frage, welche politische Botschaft übermittelt werden sollte und wie mensch es schafft, diese Message nicht hinter einer großen kommerziellen Party verschwinden zu lassen. Doch bei aller Kritik, dass auch viele Menschen bei den Pride-Paraden mitlaufen oder auf dem CSD feiern, die nicht Teil der Community sind, so ist es doch positiv zu bewerten, dass das queere Leben mit der Mehrheitsgesellschaft verschmilzt und die Grenzen immer mehr verwischen.



Quellen und noch viele weitere Informationen findest du hier:


https://www.regenbogenportal.de/informationen/erinnerung-sichtbarkeit-und-emanzipation-christopher-street-days


https://www.csdrn.de/


https://csd-berlin.de/


https://ok2bme.ca/



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