• Stephanie Morcinek

Madeleine "DariaDaria" Alizadeh": "Ich mag toxische Positivität nicht. Man darf auch mal jammern"

Aktualisiert: 10. Jan.

Wer sich im Netz offen vegan, nachhaltig und feministisch präsentiert, muss immer wieder mit Kritik rechnen. Für Madeleine Alizadeh ist das Alltag. Doch die UnternehmerIN hat sich eine gute Strategie gegen Hass und Neid zurechtgelegt und erklärt uns im Interview, wie sie heute ganz gut damit umgeht.

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UnternehmerIN und AktivistIN Madeleine "Dariadaria" Alizadeh // Foto: dariadéh

Wenn Madeleine Alizadeh als InfluencerIN bezeichnet wird, ist das nur die halbe Wahrheit. Die 32-Jährige, die den Begriff zu manipulierend findet, ist viel mehr als nur eine Person, die andere beeinflusst. "Das ist mit Sicherheit ein Teil des Berufs, aber mich nur darauf zu reduzieren, ist einfach falsch", sagt die AutorIN, PodcasterIN und erfolgreiche UnternehmerIN, die mit ihrem nachhaltigen Label dariadéh den großen Modeketten beweisen will, dass sich moderne Mode, eine nachhaltige Produktionsweise, faire Arbeitsbedingungen und guter Umsatz durchaus vereinen lassen.


Jetzt führte sie sogar eine so genannte Pre-Loved-Kategorie ein, um Second-Hand-Kleidungsstücken eine Chance auf ein zweites Leben zu geben. Wir wollten von ihr erfahren, warum sie diesen Schritt geht, obwohl es ihr finanziell sehr wenig bringt, was für sie die eklige Seite an Second Hand ist und warum sie die ständige "Good Vibes Only"-Mentalität in den Sozialen Medien einfach nur nervt.


femininINNEN: Viele fragen sich, ob es nicht widersprüchlich ist, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen, dann aber ein eigenes Modellabel zu gründen?

Madeleine Alizadeh: "Es ist auf jeden Fall eine berechtige Kritik, denn das Nachhaltigste ist es, nichts zu konsumieren. Ich möchte jedoch die Leute bei ihrem Konsumverhalten abholen und sie zum Nachdenken bringen, ob sie bei Unternehmen einkaufen möchten, die Tieren, der Umwelt und auch den Menschen ­– vor allem Frauen – schadet. Mein Label verfolgt das Ziel des Allgemeinwohls. Wir wollen, dass es allen Menschen, die am Prozess beteiligt sind, gut geht, aber auch Ressourcen und die Umwelt geschont werden. Wenn die großen Unternehmen erkennen, dass ihnen nach und nach die Kunden wegbleiben, weil diese jetzt bei fairen Labels einkaufen, dann haben wir etwas bewirkt."


femininINNEN: Jetzt gehst du sogar noch einen Schritt weiter und hast eine Pre-Loved-, also eine Second-Hand-Kategorie eingeführt. Was genau steckt dahinter?

Madeleine Alizadeh: "Meiner Meinung nach ist ein Unternehmen nicht nur für den Wertschöpfungszyklus, den Entstehungsprozess und den Vertrieb verantwortlich, sondern auch dafür, was danach mit seinen Produkten passiert. Hierbei spielt das Thema Recycling eine sehr wichtige Rolle, die wir ebenfalls bald angehen möchten. Jetzt ist aber erst mal der Zwischenschritt dran, indem wir die Verantwortung für bereits produzierte Ware übernehmen und dafür sorgen, dass jedes Kleidungsstück ein möglichst langes Leben hat. Wir als kleines Label verdienen so gut wie nichts damit, es gehört aber für uns zu einem nachhaltigen Mode-Unternehmen dazu."


"Schuhe kaufe ich nicht gebraucht – da ekel ich mich einfach davor"

femininINNEN: Auf der einen Seite boomt Second Hand, auf der anderen gibt es immer noch Leute, die rümpfen die Nasen, wenn sie Second-Hand hören. Hast du einen Tipp, wie man die Berührungsängste mit Pre-Loved-Mode überwindet?

Madeleine Alizadeh: "Ich verstehe bis zu einem gewissen Grad, warum diese Ablehnung da ist. Es gibt auch Dinge, die ich nicht gebraucht kaufe. Ich ekele mich zum Beispiel vor zu viel getragenen Schuhen. Ich glaube aber, man muss sich über andere Dinge freuen, wenn man second hand kauft: Wenn ich etwas gebraucht kaufe, dann freue ich mich, dass ich der Umwelt etwas Gutes getan und Geld gespart habe. Außerdem ist es ein positiver Gedanke, wenn ich weiß, dass ich es selbst wieder weiterverkaufen kann und mir damit der Wert des Kleidungsstücks bewusst wird. Die Ablehnung von Second Hand ist oft antrainiert, wie beim Fleischessen. Wenn man probiert, wie gut und vielseitig vegetarisches oder veganes Essen ist, braucht man sein Steak irgendwann nicht mehr."


Asiatische, schwarze und blonde Frau auf dem Boden sitzend.
Kampagnen-Shot der neuen dariadéh-Kollektion // Foto: dariadéh©SimonaKehl

femininINNEN: Was ist für dich die nachhaltigste Art und Weise, Mode zu konsumieren?

Madeleine Alizadeh: "Das, was ich konsumiere, sollte gut und fair produziert worden sein. Wobei ich auch sagen muss, dass es besser ist, pro Halbjahr nur ein Fast Fashion-Stück zu kaufen als zehn Fair Fashion-Teile pro Monat. Überkonsum, selbst wenn alles bio und fair ist, ist nie nachhaltig."


femininINNEN: Wie shoppst du persönlich?

Madeleine Alizadeh: "Ich bin eine große Freundin des Capsule Wardrobe-Gedankens (wenige Kleidungsstücke im Schrank, die sich durch ein gut abgestimmtes Farbkonzept alle miteinander kombinieren lassen, d. Red. Ein kostenloses Workbook gibt es hier zum Download). Das macht nicht nur das Leben einfacher, es ist auch verdammt nachhaltig, weil man jedes Teil häufig anzieht und so auch den "Cost per Wear" möglichst gering hält (damit sind die Gesamtkosten eines Kleidungsstücks gemeint, also die geschätzte Häufigkeit des Tragens, d. Red.)."


femininINNEN: Der Begriff Nachhaltigkeit ist heute ein Modewort, störst du dich daran, dass jeder auf den Sustainability-Zug aufspringt – und dabei oft einfach nur Greenwashing betrieben wird?

Madeleine Alizadeh: "Die Kaufentscheidung vieler Kund:INNEN hängt häufig davon ab, ob ein Kleidungsstück nachhaltig ist. Viele Unternehmen haben gemerkt, dass sie nachziehen müssen. Spätestens mit der "Fridays for Future"-Bewegung ist das Thema in der Masse angekommen. Kaum ein Unternehmen kann es sich leisten, nicht darüber zu sprechen. Damit kommen wir allerdings auch zum Punkt, dass der Nachhaltigkeitsgedanke hauptsächlich kommunikativ vollzogen wird, aber nicht inhaltlich."


femininINNEN: Es gibt große Konzerne und Firmen, die ab und an eine Conscious Collection, also eine nachhaltig produzierte Kollektion, herausbringen, das Gros ihres Umsatzes jedoch nach wie vor mit Fast Fashion machen. Ist es gut, dass überhaupt etwas getan wird oder ist das einzig und allein Marketing?

Madeleine Alizadeh: "Ich war mal mit AktivistIN und AutorIN Nunu Kaller (Buch: "Ich kauf nix") beim Gespräch bei H&M und da sagte sie etwas, das mir bis heute im Kopf geblieben ist. Sie meinte, dass derartige Kollektionen vergleichbar seien mit kleinen Pflastern, die auf eine riesige Wunde geklebt werden. Die medienwirksamsten Dinge wirken groß, sind es aber nicht. Der Eisberg, der darunter liegt, ist so viel größer. Es bringt nichts, derartige Kollektionen anzubieten. Mit dem Gedanken 'Wenigstens machen sie etwas' gebe ich mich nicht zufrieden."


Eine blonde Frau mit Bob, eine Frau mit Buzz Cut sowie eine Frau mit Down-Syndrom stehen zu dritt zusammen
Dariadéh setzt immer wieder auf Diversität // Foto: dariadéh©SimonaKehl

femininINNEN: Was braucht es deiner Meinung nach stattdessen?

Madeleine Alizadeh: "Es braucht langfristige und gut umsetzbare Konzepte. Gerade viele Fast Fashion-Ketten haben sich viel zu spät entschieden auf Biobaumwolle oder Recycling umzustellen. Immerhin verwenden H&M oder auch Weekday vermehrt recycelte Materialien, aber es ist immer noch zu wenig. Wir als kleines Label schaffen es ja auch, einen nachhaltigen Produktionsprozess auf die Beine zu stellen. Da frage ich mich, was eine Nachhaltigkeitsabteilung von H&M mit mehreren 100 Leuten den ganzen Tag macht? Ich würde mich wirklich gerne mal zu ihnen reinsetzen."


femininINNEN: Als du noch über Fast Fashion gebloggt hast, kamen kaum kritische Stimmen, jetzt, mit einer bestimmten Haltung und Meinung hagelt es ständig Kritik. Wie gehst du damit um?

Madeleine Alizadeh: "Ich bin durch meinen offen nach außen getragenen Standpunkt eine Projektionsfläche. Je spitzer die Standpunkte sind, die ich einnehme, und je mehr polarisierende Aussagen ich tätige, desto eher mache ich mich angreifbar. Die meisten Menschen finden sich, ihre Einstellungen und Handlungen ganz gut so wie sie sind. Wenn aber jemand daherkommt und alles anders macht, dann kommt ein Gefühl von 'So wie ich das mache, mache ich es falsch' auf. Diese Dissonanz, die man dann empfindet, sorgt für ein unangenehmes Gefühl, das viele gerne an den Absender zurückgeben möchten. Und der bin meistens ich. Allerdings – und ich bin eigentlich keine FreundIN davon, immer alles nur positiv zu sehen ­­– macht dieser Widerstand etwas mit den Menschen und sie fangen an, über ihren bisherigen Standpunkt nachzudenken."


femininINNEN: Oh, warum bist du keine Freundin davon, alles positiv zu sehen'?

Madeleine Alizadeh: "Gerade als jemand, der psychisch erkrankt ist (Madeleine Alizadeh spricht offen über ihre Erfahrungen mit Depressionen, d. Red.), weiß ich, dass es nicht immer alles schön ist und man nicht immer alles schön sehen muss. Ich mag toxische Positivität nicht. Man darf auch mal jammern und genervt sein. Letztens hat mich eine UserIN gefragt, ob es egoistisch sei, Kinder zu kriegen. Ich meinte: 'Es ist falsch zu denken, dass man nie egoistisch sein darf'. Darauf sie: 'Ich möchte nicht egoistisch sein.' Ich meinte nur zu ihr, dass es völlig okay ist, auch mal an sich selbst zu denken. Wenn sie versucht, sich auch mit dieser Seite an ihr anzufreunden, läuft vieles leichter.


femininINNEN: Was für einige deiner Follower:INNEN allerdings nicht okay ist: Zu sehen, dass du selbst ab und an konsumierst und dir beispielsweise einen neuen Mantel kaufst. Dafür hagelte es letztes Jahr sehr viel Kritik über Social Media. Wie gehst du mit diesen negativen Stimmen um?

Madeleine Alizadeh: "Es ist eine Kompetenz, die man sich aneignen muss und zu jedem Beruf in der Öffentlichkeit dazugehört. Man muss sehr viel Ego, sehr viel Persönlichkeit und Emotionen zurückstecken, dann kann man relativ gut damit umgehen. Was jetzt nicht heißen soll, dass ich mir nicht häufig auch an den Kopf greife und mir denke 'Was geht denn eigentlich mit dir?' (lacht). Fakt ist jedoch: Ich kann die andere Person nicht ändern. Das Einzige, das ich ändern kann, ist meine Reaktion. Ich kann mir Abgrenzungsmechanismen zurechtlegen, ich kann mich wehren, ich kann versuchen diese Person zu blockieren. All das liegt in meiner Verantwortung und das ist die wichtigste Erkenntnis."


femininINNEN: Traust du dich überhaupt noch bestimmte Dinge, wie beispielsweise den Kauf neuer Sache über Social Media zu teilen?

Madeleine Alizadeh: "Ich habe es schon etwas runtergefahren, weil ich in der Vergangenheit oft hyperehrlich war. Ich versuche eine gesunde Mischung zu finden. Wenn ich schon vorher weiß, dass Leute ausrasten würden, wenn ich bestimmte Sachen poste, dann lasse ich es lieber. Ich hab auch keine Lust mich freiwillig als Märtyrerin auf eine Heugabel zu schmeißen."


DariaDaria in cremefarbenem Pullover von dariadéh
Madeleine Alizadeh trägt alle dariadéh-Pieces auch selbst // Foto: dariadéh

femininINNEN: In einem Interview hast du mal gesagt, dass bei allem, was du tust, Gerechtigkeit der kleinste gemeinsame Nenner ist. Wo herrscht für dich im Moment die größte Ungerechtigkeit?

Madeleine Alizadeh: "Die Struktur, in der wir leben, ist ungerecht. Das Problem unserer Machtstruktur: Sie bevorteilt einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung, der Großteil wird benachteiligt. Ich könnte es gar nicht auf eine spezifische Sache festlegen. Wir müssen so weit in der Zeit zurückgehen, um zu erkennen, dass die Machtstrukturen, die im Moment vorherrschen, nicht naturgegeben, sondern konstruiert sind und dass diese für viele unserer gegenwärtigen Ungerechtigkeiten verantwortlich sind."


"Viele Frauen denken, es geht um die Wut, aber es geht vielmehr um das, was die Wut in uns auslöst."

femininINNEN: Ja, dass dabei Wut aufkommt, ist nur verständlich. Dabei tun sich Frauen oft schwer damit, Wut zu zeigen. Was können andere von dir auf diesem Gebiet lernen?

Madeleine Alizadeh: "Wenn Frauen ihre Wut artikulieren, empfinden sie nicht selten danach Schuld und Scham. Beides sind starke Trigger, die wir vermeiden möchten. Nahezu jede Frau kennt bestimmt diesen Moment, in dem sie sich getraut hat, etwas zu sagen und sich danach total schuldig gefühlt hat, sich geschämt hat und sich Fragen stellte wie 'Hab ich überreagiert?', 'War das wirklich nötig?'. Ich mag eigentlich keine Ratschläge, aber was mir sehr geholfen hat, ist mit diesen Gefühlen umgehen zu lernen, also eine Resilienz zu entwickeln, wie fühle ich mich, nachdem ich sowas gesagt habe. Wenn wieder so ein Moment kommt und sich die ersten Schamgefühle breit machen möchten, dann kann ich dem entgegensteuern, wenn ich mir selbst sage: 'Nein, die Scham ist unbegründet, denn ich habe all das, was ich gesagt habe, so empfunden und so ausgesprochen.' Viele Frauen denken, es geht um die Wut, aber es geht vielmehr um das, was die Wut in uns auslöst. Weil wir – vor allem durch unsere Erziehung – darauf trainiert wurden, Wut nicht auszudrücken. Doch je mehr man übt, seine Wut ohne Scham zuzulassen, umso leichter wird's. Eine sehr gesunde Form der Abgrenzung."


femininINNEN: „Liebe ... oder lass es“ stammt als dein Lebensmotto aus deinem Buch "Starkes weiches Herz". Gilt der Ausdruck heute noch?

Madeleine Alizadeh: "Ich kann mich heute nicht mehr damit identifizieren, weil es mir zu kommerziell und platt erscheint und nicht mehr zu meiner Ausdrucksweise passt."


femininINNEN: Klar, du bist ja auch ein Mensch der Veränderung. 2010 hast du als ModebloggerIN gestartet, 2013 dann der Fast Fashion Goodbye gesagt und dich Themen wie Tierschutz, Rassismus und der Nachhaltigkeit gewidmet, alles Dinge, die deinen Werten entsprechen. Du bist bzw. warst BloggerIN, PodcasterIN, AutorIN, UnternehmerIN, AktivistIN... Was kommt als Nächstes?

Madeleine Alizadeh: "Ich habe in der Vergangenheit so viel kontrolliert in meinem Leben, dass ich versuche, etwas von dieser Kontrolle abzugeben. Gerade wir Frauen, denen von außen immer vorgegeben wird, wie wir auszusehen haben, wie viel wir zu wiegen haben, wie wir uns auszudrücken haben, wie wir als Frau, als Mutter, als PartnerIN oder ArbeitskollegIN sein sollen. Mein Ziel ist es, sich von übermäßiger Kontrolle zu verabschieden, ein im Kopf freieres Leben zu führen. Sonst habe ich aber keine großen Goals, auch keine Umsatzziele, sondern versuche mich in meinem sehr turbulenten Leben zu erden und meinen Platz zu finden und die Frau zu werden, die ich sein soll."


(Hinweis: Teile des Interviews erschienen zuerst auf Iconist.de)




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