• Stephanie Morcinek

Gendermedizin: Der lebensrettende Unterschied

Aktualisiert: 10. Jan.

<img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d57948325e114040b785738e1b15d6b5" width="1" height="1" alt="">Andere Symptome, andere Therapiemöglichkeiten: Unsere Geschlecht MUSS bei medizinischen Behandlungen mitgedacht werden, WIRD es oft allerdings nicht. Denn die meisten Forscher:INNEN setzen einen Mann mit 75 Kilogramm als Maßstab für ihre Studien fest. Was für Frauen* fatale Folgen haben kann...


Asiatische Frau mit Mundschutz und Brille, Asiatische Ärztin
Frauen müssen von der Medizin anders behandelt werden als Männer // Foto: Cedric Fauntleroy / Pexels

Übelkeit, Schweißausbrüche, Kurzatmigkeit, unerklärliche Müdigkeit, Rückenschmerzen, Depressionen: Nicht gerade die allseits bekannten Symptome für einen Herzinfarkt, oder? Den verbinden wir eher mit einem Engegefühl in der Brust oder mit stechenden Schmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen. Doch alle Symptome, die wir bisher genannt haben, kann auf einen Herzinfarkt hindeuten. Letzteres sind die typisch männlichen und allseits bekannten Symptome, erstere kommen hauptsächlich bei Frauen vor und sind daher weitestgehend unbekannt.


Die Medizin geht in ihrer Forschung meist von männlichen Patienten aus. Dabei ist eine geschlechterspezifische Betrachtungsweise wichtig, um Menschen optimal behandeln zu können. Diese würde nicht nur für mehr Gerechtigkeit sorgen, sie könnte sogar Leben retten. Auch bei Frauen ist mit 20.000 Todesfällen pro Jahr der Herzinfarkt einer der häufigsten Todesursachen. Oftmals werden Symptome von Frauen jedoch falsch gedeutet, was gleichzeitig zu einer falschen Behandlung und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Auch bei jüngeren Patient:INNEN.


ModeratorIN Ariane Alter bringt es im nachfolgendem Video für die Barmer-Krankenversicherung noch mal auf den Punkt:

Gendermedizin: Die körperlichen Unterschiede von Männern und Frauen


Schon allein durch die Chromosomen haben Frauen einen anders gemixten DNA-Cocktail. Während auf den X-Chromosomen mehr als 1000 Gene liegen, passen auf das Y-Chromosom weniger als 100. Erbkrankheiten können bei Frauen oftmals durch das zweite X-Chromosom ausgeglichen werden, Männer sind hingegen häufiger davon betroffen.


Auch der Aufbau des Körpers ist unterschiedlich und muss in der Gendermedizin berücksichtigt werden. Die Harnwege und die Harnröhre der Frau sind kürzer, weshalb sie häufiger an Harnwegsinfektionen leiden. Der oft belächelte Männerschnupfen ist wahrscheinlich für Männer tatsächlich schlimmer, weil ihr Immunsystem nicht so stark ist wie das der Frauen, da das Hormon Östrogen die Vermehrung von Immunzellen unterstützt, während deren Wachstum durch Testosteron eher gebremst wird. Die Kehrseite ist allerdings, dass Frauen häufiger Autoimmunkrankheiten entwickeln, die sich gegen den eigenen Körper richten.


Auch in der Bekämpfung von Krebszellen spielen unterschiedliche Hormone eine Rolle, weshalb zum Beispiel am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und an der Uniklinik Mannheim im Bereich der personalisierten Onkologie geforscht wird.


Gendermedizin: Frauen oft nicht mitgedacht


Bei der Medikamentenentwicklung wurden Frauen früher aufgrund möglicher Schwangerschaften sowie des Auf- und Abs des Zyklus' weitestgehend ausgeschlossen. Männer waren in den Versuchsreihen die Norm. Was zur Folge hatte, dass Frauen oftmals schwerere Nebenwirkungen entwickeln, denn bezüglich des unterschiedlichen Fett-, Muskel- und Wasseranteils im Körper verteilen sich Arzneien anders und werden unterschiedlich schnell abgebaut. So kam es beispielsweise in den USA nach der Einnahme eines Schlafmittels häufiger zu durch Frauen verursachten Verkehrsunfällen, da der Abbau des Mittels im weiblichen Körper länger brauchte, als es bei männlichen Körpern der Fall war.


Gendermedizin: Das ist der aktuelle Stand


Wie die GeschlechterforscherIN Vera Regitz-Zagrosek der Apotheken Umschau verraten hat, gibt es seit 2011 eine Richtlinie, nach der alle Bevölkerungsgruppen entsprechend der Häufigkeit ihrer Erkrankungen in klinische Studien eingeschlossen werden sollen. "Ich wünsche mir, dass aus den 'Soll-Vorschriften' ein 'Muss' wird, damit alle Untersuchungen Männer und Frauen gleichgestellt einschließen und wir später aus verschiedenen Studien ein Gesamtbild zusammensetzen können. Es gibt Forscher, die schon darauf achten. Hier sehen wir gelegentlich überraschende Effekte."



Gendermedizin und Corona


Corona hat die geschlechterspezifische Betrachtungsweise im Bereich Medizin noch mal verstärkt in den Fokus gerückt. Männer haben nach einer Corona-Infektion vermehrt einen schweren Verlauf. Das weibliche Immunsystem bekommt das Virus dagegen oft besser in den Griff, wobei wir wieder bei der besseren Immunabwehr von Frauen und den unterschiedlichen Sexualhormonen wären. "Corona wirke auf die geschlechtersensible Medizin wie ein Katalysator", sagte Professor Marcus Altfeld vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf den Kolleg:INNEN vom NDR. "Es wird einfach bewusst, dass es diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Das ist eine spannende Zeit für uns, die wir in dem Bereich arbeiten, weil sich plötzlich ganz viel tut. Vorher war es manchmal schwierig, unsere Kollegen und auch die Fachzeitschriften davon zu überzeugen, dass der Ansatz wichtig war."


Wenn du das Gefühl hast, dein:e Ärzt:IN behandelt dich falsch oder verschreibt dir eine falsche Medikamenten-Dosis, passe die Dosis auf keinen Fall alleine an, sondern sprich mit den Mediziner:INNEN und hör dabei immer auf deinen Körper. Wenn dir etwas seltsam erscheint oder du Bedenken hast, dann schuck sie nicht runter, sondern sei offen und gib deinen Bedenken Raum. Unser Bauchgefühl sagt uns schon, wenn etwas nicht stimmt. Und so kann's auch unserem Herz gut gehen.


Weitere Infos zur Gendermedizin findest du hier:


Deutschen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin e.V. (DGesGM e.V.)


Deutscher Ärztinnenbund e.V.


German Medical Science


Handreichung geschlechtssensibler Medizin in der Lehre / Uni-Halle


(*Wir verwenden hier die binäre Einteilung in Männer und Frauen, da sich auch die Studien auf diese Einteilung stützen)




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