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Was ist eigentlich "DER" Feminismus?

Aktualisiert: vor einem Tag

Wenn wir sagen, dass wir FeministINNEN sind, kommt leider vielen Leuten noch immer ein ganz bestimmtes Bild in den Sinn: Lesbische Frau mit kurzen Haaren, unförmigen Klamotten, die alle Männer und alles vermeintlich Weibliche (Mode, Beauty) hasst und sich vehement gegen alles sträubt, was männlich ist. Hallo, Klischee- und Schubladen-Denken! DEN Feminismus gibt es nicht, vielmehr sind es mehrere Strömungen, also mehrere Feminismen, die entweder durch die jeweils andere Strömung entstanden sind oder diese weiterentwickeln. Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood sagte sogar in einem Zeit-Interview: "Es gibt mindestens 75 Arten von Feminismus". Und ja, es gibt sehr viele Unterarten. Wir wollen einige heute mal genauer vorstellen und versuchen, die unterschiedlichen Arten des Feminismus zu clustern – natürlich kann es Überschneidungen geben oder Unvollständigkeiten, aber wer eine FeministIN ist, hat Verständnis, dass wir es hier nicht zu kleinlich nehmen. Stimmt's Schwester?!


Das sind die unterschiedlichen Formen des Feminismus:

Welche Formen von Feminismus gibt es? Wir stellen sie dir vor // Photo: Unsplash/Billie

Der liberale Feminismus

Im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft wollen die Anhänger*INNEN des liberalen Feminismus Gleichheit unabhängig vom Geschlecht bewirken. Sie kritisieren die geschlechtliche Ungleichheit in Gesellschaften und der Demokratie. Ein ausgearbeitetes Genderkonzept gibt es nicht. Die Kernthemen sind Antidiskriminierung, berufliche Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Kritik gibt es dafür, dass die Anhänger ökonomische Argumentationen wie die Verschwendung von weiblichem Humankapital aufgrund von diskriminierenden Sperren zu qualifizierten Berufen verwenden. Damit sei die Strömung zu nah am Neoliberalismus.


Der konservative Feminismus

Bei diesem Feminismus geht es auch um Geschlechterdifferenzen. Chancengleichheit im Beruf ist eines der Kernthemen. Hier wird mit weiblichen Fähigkeiten in Kommunikation und Beziehung argumentiert, die Wirtschaft und Politik zu Nutze machen kann. Intersektionale Ungleichheit nach Geschlecht, Klasse, Migration und Sexualität wird bei konservativen Feminist*INNEN genauso in den Fokus gerückt wie beim liberalen Feminismus sowie beim Differenzfeminismus.



Der Differenzfeminismus

Für Anhänger*INNEN des Differenzfeminismus ist der Gleichheitsgedanke regelrechter Schwachsinn. Sie stellen den biologischen Unterschied zwischen Männern und Frauen in den Fokus und sind der Meinung, dass Frauen unverzichtbare Aufgabenbereiche im "modernen Männerstaat" zugeschrieben werden. So müssten Frauen als potenzielle Mütter für Liebe, Fürsorge und Frieden stehen. Das Positive von Weiblichkeit wird hier in den Fokus gerückt. Es gibt auch eine Richtung, die Frauen eine große Nähe zur Natur nachsagt (ökologischer Feminismus) und die sich so gegen patriarchalisch-kapitalistische Ausbeutung wenden.


Die Form des radikalen Differenzfeminismus legt das Patriarchat als System der Männerherrschaft über Frauen zugrunde. Weibliche Solidarität und Widerstand werden hervorgehoben, die Geschlechterdifferenz wird stark betont und gemeinsam wird sich gegen die Herrschaft der Sexualpolitik (u.a. die Kontrolle der weiblichen Sexualität und Gewalt gegen Frauen) gestellt.



Der schwarze Feminismus

Diese Form des Feminismus entwickelte sich in den 1960er-Jahren in den USA. Auf der einen Seite kämpften schwarze Männer im Rahmen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung; auf der anderen hielten im Zuge der zweiten Feminismuswelle vor allem weiße Frauen aus dem Mittelstand für bessere Arbeitsbedingungen die Demo-Schilder hoch und machten auf ihre Bedürfnisse aufmerksam. Schwarze Frauen sahen sich in keiner der beiden Bewegungen repräsentiert bzw. mitgenommen und gingen selbst auf die Straße. Der schwarze Feminismus rückte die Überkreuzung von Sexismus und Rassismus in den Fokus. Damit ist diese Feminismus-Form der Vorreiter für den intersektionalen Feminismus.


Der intersektionale Feminismus

Der Begriff "Intersektionaler Feminismus" wurde geprägt von der amerikanischen RechtsprofessorIN Kimberlé Crenshaw, die ihn als "Prisma" bezeichnete, "um die Art und Weise zu verstehen, wie verschiedene Formen der Ungleichheit oft zusammenwirken und sich gegenseitig verschärfen.“ Intersektional meint so viel wie "überschneiden" (engl. intersection = Kreuzung). Es zeigt, dass sich soziale Identitäten von Menschen überlappen können. „Wir neigen dazu, über Ungleichheit aufgrund von Rassifizierung zu sprechen, als sei sie getrennt von Ungleichheit aufgrund von Geschlecht, Gesellschaftsschicht, Sexualität oder Einwanderungsgeschichte. Was dabei fehlt, ist das Verständnis, dass manche Menschen all diesen Ungleichheiten ausgesetzt sind”, sagt Crenshaw.


Viele Ungleichheiten überschneiden sich gegenseitig, wie zum Beispiel Armut, Kastensysteme, Rassismus und Sexismus, und sie verweigern Menschen ihre Rechte und Chancengleichheit. Die Auswirkungen erstrecken sich über Generationen hinweg. Genau darauf wollen die Verfechter*INNEN des intersektionalen Feminismus aufmerksam machen.


Der sozialistische Feminismus

Hier wird die strukturelle Ungleichheit nach Klasse, Geschlecht und Rasse in der kapitalistischen Gesellschaft kritisiert. Vor allem die (oft unbezahlte) Care-Arbeit wird scharf kritisiert, die im neopatriarchalem Kapitalismus den Frauen zugeschrieben wird. Die Frauenunterdrückung in der modernen Welt hängt untrennbar mit der Geschichte des Kapitalismus zusammen. Feministische Veränderungsforderungen zielen folglich auf strukturelle Verbindungen zwischen Patriarchat und Kapitalismus ab.


Feminist*INNEN in New York // Photo: Unsplash/Monica Melton

Der Öko-Feminismus

Anhänger*INNEN des ökologischen Feminismus' kritisieren die Ausbeutung von Natur und Frauen im patriarchalen Kapitalismus.


Der Queer-Feminismus

Der queere Feminismus übt radikale Kritik an Heteronormativität, ist intersektional ausgerichtet und stellt Themen wie den Körper und Sexualität, Konsumkritik, sexuelle Gewalt in der sexuellen Kommerzialisierung, Antirassismus und das Internet in den Fokus. Simone de Beauvoir sagte dazu: "Man wird nicht als Frau geboren. Man wird es..." (uns juckt es schon wieder in den Fingern, nicht man, sondern mensch zu schreiben). Für Queerfeminist*INNEN und allem voran für die Philosophin Judith Butler "gibt es so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt".


Netzfeminismus

Yes, that's us! Denn was heute in den Sozialen Medien und den unzähligen Blogs und Instagram- bzw. Facebook-Accounts passiert, kann man als Netzfeminismus oder auch als Dritte Welle des Feminismus betiteln. Über das Internet können Themen wie Gleichberechtigung, Gender Pay Gap, Misogynie etc. viel schneller und viel verständlicher einem breiten Publikum bekannt gemacht und verbreitet werden.


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Wenn sich die Feminismen auch in einigen Punkten unterscheiden, so verfolgen sie doch alle drei Dinge:

  1. Selbstbestimmung

  2. Freiheit

  3. Gleichheit für alle Menschen, die in allen Lebensbereichen verwirklicht werden soll

Der Feminismus ist nicht allein politisch motiviert, vor allem zieht er auch die Selbstbestimmung unseres Denkens, Fühlens und Handelns mit ein. Wir allein entscheiden, was in unseren Köpfen und mit unseren Körpern passieren soll.



Die Quellen und weitere Ansätze findest du hier:

Heinrich-Böll-Stiftung

Bundeszentrale für politische Bildung

UN Women

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