• Stephanie Morcinek

Wie blinde Frauen Brustkrebs tasten: Meine Erfahrung mit discovering hands


Wir haben es ausprobiert: Die Früherkennung von Brustkrebs bei discovering hands // Foto: Katja Brömer

Da war er, der Knoten. Diese harte, druckempfindliche Stelle direkt unter meiner rechten Brustwarze. Seine Freunde Angst und Panik hatte er auch mitgebracht. Er kostete mich nicht nur eine schlaflose Nacht, sondern elf. Denn erst dann stand mein Termin. Nicht bei meiner GynäkologIN, sondern bei einer Medizinisch-Taktilen UntersucherIN (MTU) von discovering hands. Bei der Früherkennungsuntersuchung von Brustkrebs durch sehbehinderte Frauen werden 30 Prozent mehr Gewebeveränderungen ertastet als bei den Untersuchungen bei Frauenärzt:INNEN.


Brustkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung von Frauen

70.000 Frauen erkranken in Deutschland pro Jahr an einem Mammakarzinom. Damit ist Brustkrebs nicht nur die häufigste Krebserkrankung von Frauen, er ist auch eine der häufigsten Todesursachen. Der Krebs kennt dabei kein Alter. Er schleicht sich bei manchen erst mit 84 an, bei anderen mit 47 oder zeigt auch schon mit 23 sein hässliches Gesicht.


Discovering Hands: So läuft es ab


Am Tag der Untersuchung betrete ich einen kleinen Raum in einer Frauenarztpraxis im Herzen Hamburgs. Das Minizimmer hat nur ein Oberlicht, ist höchstens fünf Quadratmeter groß. An einem Computer sitzt eine etwa 45-jährige Frau, tippt meine PatientINNENdaten ein. Die Schriftgröße ist extrem groß, so dass etwa drei Wörter den kompletten Bildschirm ausfüllen. Hinter ihr steht eine Liege mit einem weißen Papiertuch, daneben ein Messingstuhl mit dunkelblauem Bezug. Auf einer zweiten Liege eine Schale mit medizinischen Produkten, Klebestreifen und ein paar Kissen darauf. Ich wundere mich, dass die MTU den Computer noch lesen kann. Sie scheint es zu bemerken und erklärt mir, dass sie noch einen ganz minimalen Teil ihrer Sehkraft besitzt. Sie hat im Landschaftsbau gearbeitet, doch ihre Augen werden immer empfindlicher gegen die Sonne, weshalb sie eine andere Arbeit finden musste. Seit etwa einem Jahr arbeitet sie bei discovering hands, hat davor in einer neunmonatigen Ausbildung Stunden und Tage damit verbracht, die verschiedensten Formen von Brüsten zu ertasten. Einige gesunde, doch hauptsächlich kranke, in denen sich das Gewebe zu einem Tumor verwandelt hat.


„Der kleinste Krebs, den ich gefühlt habe, war gerade mal so groß wie ein Reiskorn“, erzählt sie stolz. Und schwupps erinnere ich mich an meine riesige harte, schmerzende Stelle in mir selbst und habe sofort meinen Feind Angst auf dem Schoß sitzen. Er springt nicht weg, als ich mein T-Shirt ausziehe und von meiner MTU mit schwarz-weiß-roten Streifen beklebt werde. Einer führt über die linke, einer über die rechte Brust, ein Kontrollstreifen in der Mitte. Die Teststreifen dienen den blinden und stark sehbinderten Frauen zur Orientierung. In ihrer Ausbildung haben sie gelernt, sich daran entlang zu tasten. Weil ihr Sinn in den Fingerspitzen durch die Sehbehinderung stärker ausgeprägt ist, erkennen sie eine Veränderung am Gewebe schneller und eindeutiger als es die meisten Frauenärz:INNEN könnten.



Meine Brust unter dem Finger-Scanner

Mit dem Beginn der Untersuchung merke ich, dass sich die Finger der MTU ganz warm und sanft anfühlen. Sie streicht über die Brüste und arbeitet sich in Minischritten Zentimeter um Zentimeter vor. „Hoffentlich schmerzt die Stelle nicht so sehr, wenn sie dort angekommen ist, wo es mir weh tut“, denke ich. Diese kleine Panik ist jedoch unbegründet, denn die Berührungen sind zwar intensiv, aber nicht schmerzhaft. Ich muss mich erst hinsetzen, dann auf den Rücken legen, später wird mir ein Kissen unter meine jeweilige linke und rechte Körperseite gelegt, auf die ich mich jeweils drehen muss. Mal ist mein Arm unten, dann muss ich ihn über den Kopf strecken. So kommt die TastuntersucherIN an jede Stelle meiner Brust und scannt sich mit ihren Fingern über meinen Körper.

Mir ist ganz mulmig, als sie sagt, dass ich mich wieder anziehen kann. „Ihr Gewebe ist etwas verhärtet“, sagt sie mir. „Es lässt sich jedoch gut bewegen und ist daher unauffällig“. Puh, hat sie den riesigen Brocken gehört, der mir gerade von der Brust – äh – vom Herz gefallen ist?! Krebs würde sich hart anfühlen und nicht verschieben lassen. Ich sollte die Stelle trotzdem beobachten. Oft ist in bestimmten Phasen des Zyklus eine Veränderung und eine Verhärtung möglich. Das ist normal und nicht weiter beunruhigend. Doch zu sicher sollte ich mir auch nicht sein. Krebszellen können jeden Tag entstehen. Deshalb ist eine regelmäßige Untersuchung – am besten einmal pro Jahr – extrem wichtig.


discovering hands: Dauer und Kosten


Wird Brustkrebs früh erkannt, zählt er zu den Tumoren, die sich gut therapieren und sogar heilen lassen. Doch oftmals ist die Zeit bei den Frauenärzt:INNEN, in der die Brust untersucht wird, knapp. discovering hands und ihre MTUs nehmen sich Zeit. Meine Untersuchung hat knapp 45 Minuten gedauert. Dafür habe ich privat 55 Euro gezahlt. Wie schnell sind die unter normalen nicht-coronabedingten Umständen für ein Essen und zwei, drei Getränke ausgegeben... Viele Kassen tragen mittlerweile jedoch sogar die Kosten für die Tastuntersuchung, die ich ab sofort einmal pro Jahr machen werde.


Der beunruhigende Knoten hat sich während der Untersuchung in verhärtetes Gewebe verwandelt, von dem ich nun wusste, dass es nach meiner nächsten Menstruation wieder weicher werden wird. Die Untersuchung hat mir ein besseres Gefühl für meinen Körper gegeben. Sie wird jetzt neben den regelmäßigen Besuchen bei meiner FrauenärztIN als fester Termin für mich und meinen Körper eingeplant. Angst und Panik haben sich auch verzogen. Und sie bekommen auch nicht mehr so schnell eine Chance, mich wieder zu verunsichern...

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