• Stephanie Morcinek

Brustkrebs: Die einzige Frage, die du dir nie stellen darfst, ist die nach dem WARUM?

Die ganze Welt redet über Corona, Covid-19 und die schlimmen Folgen der Pandemie für unser Gesundheitssystem, unsere Gesellschaft und die Wirtschaft. 2020 mussten viele weitere Krankheiten in den Hintergrund rücken. Medial scheint es nur ein Thema zu geben, doch wir möchten Corona jetzt zur Seite schieben und ein für uns Frauen so wichtiges Problem in den Vordergrund zerren. Ja, zerren. Denn es kann jede von uns treffen und wir dürfen einfach nicht aufhören, darüber zu reden: Brustkrebs.

Photo: ©Charles Deluvio/Unsplash

Traditionell wird seit 1985 jeder Oktober zum Brustkrebsmonat ausgerufen. Initiiert von der Amerikanischen Krebsgesellschaft (American Cancer Society) wird dieser Monat dazu genutzt, um wachzurütteln, aufzuklären, Mut zu machen und zu helfen. Pro Jahr erkranken in Deutschland laut Robert-Koch-Institut knapp 69.000 Frauen an Brustkrebs. Das Mammakarzinom ist damit der häufigste bösartige Tumor bei Frauen. Im Schnitt erhält jede 8.(!) Frau im Laufe ihres Lebens die Diagnose. So wie Rhea S., die wir auf Instagram mit ihrem mutmachenden Account "@pink_is_my_new_color" entdeckt haben. Der Name, den die 39 Jahre alte Mutter von zwei Mädchen für ihren Account gewählt hat, ist eine Anspielung auf die pinkfarbene Schleife, die als optisches Sinnbild für die Bewegung und den Brustkrebsmonat steht (Infos findest du z.B. hier: Pink Ribbon Deutschland oder hier: Pink Ribbon Foundation). Wir haben mit Rhea nicht nur über den, wie sie selbst schreibt ­– Tumorarsch – gesprochen, sondern auch darüber, wie Optimismus beim Kampf gegen Krebs helfen kann und wie andere mit der Krebserkrankung eines Freundes oder Bekannten umgehen können.



femininINNEN: Liebe Rhea, du zeigst auf Instagram ganz offen deinen Umgang und deinen Kampf gegen den Krebs. Wie hast du den Tumor entdeckt?

Rhea: "Es war an Weihnachten 2019. Ich saß mit meiner Familie am Tisch, wollte, wie man das eben manchmal so macht, meinen BH richten und habe dabei etwas Komisches an meiner linken Brust gefühlt. Ich habe ganz normal weiter gefeiert und abends dann einen Knubbel gefühlt. Ich war nicht sofort beunruhigt, wollte erst die Feiertage und Silvester abwarten und war froh, direkt am 3. oder 4. Januar einen Termin bei meiner Frauenärztin bekommen zu haben. Ich hatte mich bis dahin aber bereits mit dem, was da kommen könnte, auseinandergesetzt. Kurz vorher war eine Bekannte an Brustkrebs gestorben."

Warst du eher panisch oder ruhig?

"Es war ein Balanceakt mit vielen verschiedenen Gefühlen. Von 'Muss ich sterben?' bis 'Mach mal halblang!'. Richtig panisch wollte ich nicht werden, denn ohne die Tests macht das ja noch überhaupt keinen Sinn. Doch als die Frauenärztin mit dem Ultraschall über den Knubbel fuhr und feststellte, dass er durchblutet war, sah ich bereits an ihrem Gesicht, dass es kein gutes Zeichen ist, denn die Durchblutung weist meist auf einen Tumor hin. Die Ärztin nahm allerdings das Wort nicht in den Mund und wollte erst die Biopsie abwarten. Doch nach dem Termin haben wir uns zu Hause auf das Schlimmste eingestellt."

Und dann kam irgendwann das Ergebnis des Mammographiezentrums...

"Das war ein Moment, der sich anfühlte, als schlage dir eine Faust direkt auf den Kopf. Mein Mann hat mich begleitet. Wir saßen beide da und waren wie versteinert. Doch irgendwann fing ich an richtig zu heulen. Ich erinnere mich noch genau an den Moment. Da sitzt du an einem Ort, an dem Ärzt*INNEN schlimme Diagnosen verkünden und dann hatten sie nicht mal Taschentücher. Ich musste mit meiner Handrückseite meine Tränen abwischen. Aber ich erinnerte mich auch daran, dass die ÄrztIN irgendwann mein Knie tätschelte und meinte 'Meistens ist das gut heilbar'. Ich dachte nur 'Sie hat heilbar gesagt ­– das musst du dir merken'."

Hat dir dieses Wort geholfen, optimistisch zu bleiben?

"Wir hatten uns zu Hause überlegt, mit welcher Haltung wir an die Erkrankung rangehen möchten. Wir haben beschlossen, gestärkt aus dem Ganzen herausgehen zu wollen. Ich habe mir immer wieder bewusst gemacht, dass ich daran nicht sterben werde."

Hast du deiner Familie und deinen Freund*INNEN oder Kolleg*INNEN offen von der Krankheit erzählt?

"Ja, ich bin offen damit umgegangen. Mitleid wollte ich nicht. Ich habe bereits Erfahrungen mit schlechten Nachrichten, da ein Jahr nach der Geburt unserer zweiten Tochter 2015 bei mir Rheuma diagnostiziert wurde ­– trotz meines jungen Alters. Mit Medikamenten habe ich das aber gut hinbekommen und konnte diese sogar letztes Jahr absetzen. Ich hatte also schon einen Power-Rucksack, auf den ich zurückgreifen konnte."

Wie hat dein Umfeld reagiert?

"Sie waren alle für mich da, haben mir zugehört und sich nach mir erkundigt. Eine Freundin hat mich dann auf die Idee gebracht, einen Blog zu schreiben, der alle über den Verlauf meiner Krankheit informiert ­– dann muss ich es nicht mehrmals erzählen. Mein Vater gab mir dann den letzten Impuls dazu, weil er meinte, dass meine Mutter zu Hause sitze und sich grämt und nicht weiß, was mit mir los ist und wie sie damit umgehen soll. Doch auch ich wusste das ja nicht, für mich war der Krebs auch neu. Auf dem Blog konnte ich mir meine Gedanken von der Seele schreiben und gleichzeitig alle up to date halten."




Doch du hast auch einen Instagram-Account gegründet: @pink_is_my_new_color.

"Mir hat auf dem Blog der Austausch gefehlt, vor allem, weil dann irgendwann zum Krebs auch noch Corona kam. Ich hätte liebend gerne eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, das war leider durch die strengen Auflagen und Abstandsregeln nicht möglich. Der Insta-Account war allerdings genau der richtige Kanal, meine Gedanken mitzuteilen, sie mir von der Seele zu schreiben und mit anderen Erfahrungen zu teilen."

Seit dem 18. Juni schreibst du für deine inzwischen über 500 Follower über deinen Weg im Kampf gegen den Tumor. Wie wurde der Krebs bei dir therapiert?

"Im Januar 2020 wurde der Tumor in meiner linken Brust diagnostiziert. Nach vier Wochen Voruntersuchungen inklusive MRT, CT und zahlreichen Blutentnahmen, stand die erste große Operation meines Lebens an: die Port-OP für die Chemo-Therapie. Auf der rechten Seite wurde unter dem Schlüsselbein ein Zugang in eine Vene gelegt, der die Medikamente in meinen Körper leiten sollte. Und das tat er auch. Erst in vier großen Chemos, die alle zwei Wochen verabreicht wurden, dann im Wochenrythmus über weitere zwölf Wochen bevor die Operation anstand. Hinzu kommt die derzeitige Bestrahlung sowie eine sich anschließende 5-jährige Anti-Hormon-Therapie."

Wie war das in Corona-Zeiten während der Chemo?

"Das war wahrscheinlich auch nicht anders als sonst. Wir saßen mit mehreren Krebspatienten mit Abstand in einem Raum, in dem uns etwa drei bis vier Stunden die hammerstarken Medikamente in die Venen flossen. Es war meistens sogar richtig lustig, es gab eine Menge Galgenhumor und einen guten Austausch, bei dem man voneinander lernen konnte. Doch es gab eine PatientIN, die die Frage nach dem Warum stellte. Doch die kann man nicht beantworten, deshalb stelle ich sie mir gar nicht. Auch schlimm war eine andere PatientIN, die meinte, der Krebs sei die Strafe Gottes für etwas, das wir nicht richtig gemacht hatten. In solchen Momenten setzte ich meine Kopfhörer auf, drehte die Lautstärke hoch und schaute einen Film. Ich wollte mir keine Welten erschaffen, die der Heilung nicht dienlich sind."



Du wolltest auch nicht, dass du den Moment erlebst, in dem du eines morgens aufwachst und plötzlich büschelweise die Haare im Bett liegen. Deshalb hast du sie dir schon vorher abgeschnitten.

"Ich wusste, dass mir durch die Chemo nach spätestens 14 Tagen die Haare ausgehen werden, deshalb habe ich mich schon vorher mit einer Kurzhaarfrisur an den Haarverlust herangetastet. Obwohl ich erst im Dezember so stolz auf meine schulterlangen Haare war, wusste ich, dass es eine gute Entscheidung ist, mich bereits vor der Chemo von den Längen zu verabschieden. Meine Kinder durften mir beim Abschneiden helfen, ich habe die Haare dann noch weiter auf einen Zentimeter Länge gekürzt. Mein Mann meinte auch, dass es bestimmt hilfreich ist, wenn man sich schon vorher an das neue Aussehen gewöhnt. Das war meine Kämpferinnenrüstung."

Hattest du Angst vor der optischen Veränderung?

"Noch mehr als vor dem Verlust der Haare, hatte ich Angst vor dem Verlust der Augenbrauen, denn sie geben dem Gesicht einen Rahmen. Und ja, es war tatsächlich teilweise so, dass ich in den Spiegel geschaut habe und dachte: Wer ist der 80-jährige Opa, der mir da entgegenblickt? Das, was ich innerlich war, hat mit dem, was ich äußerlich war, nicht mehr zusammengepasst."

Was hat dir geholfen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen?

"Die DKMS Life bietet Schminkkurse speziell für Krebspatient*INNEN an, die sogar online übertragen werden. Diese Tipps sind wirklich gut und einfach umsetzbar. Ich konnte mich während der schlimmsten Chemo-Phase wieder wie ich fühlen."

Wie hat die Chemo bei dir angeschlagen?

"Mein Tumor verschwand sogar bereits während der Chemo, ich war also sehr optimistisch. Im Juli wurde dann allerdings noch das Tumor-Bett, also die Region, in der der Tumor saß, sowie die Wächterlymphknoten entfernt. Danach hatte ich dann erst mal acht Wochen Ruhe, bevor es mit der Bestrahlung losging."

Hattest du auch mit Nebenwirkungen zu kämpfen?

"Am Tag der Chemo selbst ging es mir nicht gut, da musste ich mich hinlegen. Schlecht wurde mir nicht, dafür habe ich z.B. Furunkel unter den Armen bekommen und Knochenschmerzen. Andere haben mit Schleimhautveränderungen und sogar -ablösungen zu kämpfen oder mit tauben Fingerkuppen oder Zehen, was so schlimm werden kann, dass die Patient*INNEN nicht mehr laufen können. Man muss sich bewusst machen, dass die Medikamente zwar den Tumor bekämpfen, dass dabei aber auch andere Körperfunktionen in Mittleidenschaft gezogen werden können."

Puh, das sind alles Punkte, die Angst machen. Zusätzlich zum Krebs. Kannst du mit deiner Erfahrung Menschen etwas raten, die eine Krebsdiagnose bekommen haben?

"Ich will nicht übergriffig werden und irgendetwas empfehlen, denn jeder Krebs, jeder Patient ist anders. Mir hat geholfen, dass ich mich auf meine Kraftressourcen konzentriert habe und mir bewusst machte, dass ich schon ganz andere Dinge gemeistert hatte. Was jetzt aber auch nicht heißen soll, dass ich da mit Schalalalala durchgetanzt bin. Ich hatte Vertrauen in mich und die Medizin. Und ich wusste: Dieser Scheiß-Krebs geht nicht weg, wenn ich den Kopf in den Sand stecke."




Und wahrscheinlich hat es dir auch sehr geholfen, dass du ein starkes Umfeld hattest. Gab es denn auch mal einen Moment, der etwas seltsam war?

"Ja, das war die Begegnung mit einer Bekannten, die mich auf meine Haare angesprochen hatte, woraufhin ich ihr von meiner Krebsdiagnose erzählte. Als ich sie ein paar Tage später im Schwimmbad erneut traf, sie meine Narben sah, war sie völlig perplex. Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit dem Krebs umgehen sollen und sehen sich auch mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert, denn klar fängt das Kopfkino an. 'Wenn sie Krebs hat, kann ich es auch bekommen'."

Was wäre für dich der richtige Umgang?

"Ich finde es gut, wenn Leute fragen, ob ich darüber sprechen möchte. Manchmal mache ich das nämlich sogar ganz gerne, an anderen Tagen möchte ich es eher nicht. Und obwohl man mit einer solchen Diagnose notgedrungen egozentrisch wird und sich alles um einen selbst und den Krebs dreht, gibt es auch weiterhin die Probleme der anderen. Ich möchte auch weiterhin für meine Freunde und Familie da sein und finde es herrlich, wenn ich Klatsch und Tratsch höre und einfach abgelenkt werde mit alltäglichen Geschichten. Und auch Galgenhumor kann manchmal helfen, denn damit wird selbst der Umgang mit Krebs ein bisschen leichter."


***

Rhea ist heute tumorfrei, sie wird allerdings, wie sie selbst sagt 'immer eine ehemalige KrebspatientIN bleiben'. Gerade bekommt sie noch Bestrahlungen, Ende Oktober wird die Therapie abgeschlossen sein und sie kann langsam zurück in ihren Job im sozialen Bereich. Einen Rat möchte sie aber noch mitgeben: "Taste dich ab! Brustkrebs ist gut behandelbar, wenn er rechtzeitig erkannt wird. Wir lernen zwar, wie man einen Pickel ausdrückt oder sich die Wimpern tuscht, dabei wäre es so viel wichtiger zu lernen, wie man sich richtig abtastet, um Gewebeveränderungen schnell zu erkennen."



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