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Die Blase im Interview mit Birgit Bulla zu ihrem Buch "Noch ganz dicht?"

Aktualisiert: Sept 23

Die Blase kann nicht reden? Stimmt (eigentlich). Doch wenn jemand ein ganzes Buch über sie schreibt, will sie eben ganz genau wissen, ob der oder diejenige vom Tuten und von Blasen eine Ahnung hat. So wie AutorIN und femininIN Birgit Bulla, die mit "Noch ganz dicht?" dem urinbildenden Organ ein ganzes Buch mit 208 Seiten gewidmet hat. Na wenn die Blase dabei nicht zur Reizblase wird...



Blasen-Real-Talk mit AutorIN und femininIN Birgit Bulla // Photo: Katja Brömer; Illustration: Annette Bulla

Die Blase im Auftrag von femininINNEN: Birgit Bulla, das ist doch ein Witz, oder? Warum klaust du einfach meinen Namen? (Für alle, die es nicht wissen, bulla heißt auf Lateinisch Blase). Birgit Bulla: "Ich hab ihn mir ja nicht ausgesucht, liebe Blase, ich wurde auch so genannt. Denkst du, ich finde es cool, dass ich Blase mit Nachname heiße? Obwohl, mittlerweile schon, denn du bist ja mein Lieblingsorgan."


Also eigentlich spricht man ja nicht so gerne über mich. Warum stellst du mich so in den Fokus – entschuldige mal!?

"Ich finde die Blase, also du, bist ein höchst wichtiges Organ und es wird Zeit, dass du auch mal in den Vordergrund gerückt wirst. Deine Nachbarn der Beckenboden oder die Gebärmutter sind voll im Fokus im Moment, z.B. wegen Endometriose. Und du? Du führst voll das Schattendasein, obwohl du so wichtig bist, uns den ganzen Tag unterstützt und unseren Körper reinigst. Deshalb ist es an der Zeit, dass du auch mal ins Scheinwerferlicht kommst."


Stimmt, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich bin ein sehr wichtiges Organ, vielleicht sogar das Wichtigste?!

"Also für mich schon. Mein ganzer Tagesablauf richtet sich nach dir, liebe Blase."

Deshalb nennst du dich ja auch Expertin in Sachen Klogang. Dann sag mir doch mal, wie sieht denn der ideale Gang zur Toilette aus, wie benutzt man mich denn richtig?

"Also, liebe Blase. Erst mal ist es ganz wichtig, dass man ruhig und entspannt zur Toilette geht. Beine hüftbreit auseinander, beide Füße auf den Boden gestellt. Wenn man es dann laufen lässt und dich entleert, sollte man auf gar keinen Fall drücken. Das ist ganz schlecht für dich und den Beckenboden. Du musst dich entspannt entleeren können, ganz ohne pressure. Denn das tut dir weh und stresst dich nur."


Oh ja, da hast du absolut recht. Was denkst du denn, wie oft ich mich am Tag voll laufen lasse?

"Frauen können 350 bis 550 Milliliter speichern bevor du das erste Signal gibst, dass wir pinkeln müssen. Wir können aber insgesamt pro Tag etwa 1000 bis 1500 Milliliter Urin produzieren und von dir speichern lassen."



Gibt es bestimmte Getränke oder Lebensmittel, die mich schneller vollaufen lassen oder mich mehr reizen?

"Getränke, die dich sehr reizen sind Kaffee, Cola, grüner oder schwarzer Tee. In allen Getränken ist Koffein enthalten und der ist dafür verantwortlich, dass viele Leute schnell auf Toilette müssen. Auch bei Alkohol ist das so. Wenn man einmal angefangen hat, auf Toilette zu rennen, meldest du dich ständig, etwa im 10-Minuten-Takt. Danke dafür. Lebensmittel wie Spargel verändern den Urin. Dann riecht er etwas unangenehm nach Ammoniak. Aber nicht bei allen Leuten, man braucht ein bestimmtes Gen dazu. Bei 50 Prozent müffelt es, bei 50 Prozent nicht."


Welche Getränke tun mir denn gut?

"Es gibt spezielle Blasen- und Nierentees, die du besonders gerne magst, die auch gut bei Blasenentzündung oder Harnwegsinfekten wirken, aber sonst magst du wohl Wasser am liebsten. Ohne Sprudel. Denn die enthaltene Kohlensäure kann die Schleimhaut der Blasenwand reizen. Alles, was ruhig und klar ist, magst du am liebsten."


Stimmt, so einen schönen Wodka mag ich gerne (die Blase guckt zufrieden). Aber was ich ganz besonders mag, sind Frauen. Die benutzen mich so schön häufig. Warum ist das eigentlich so? Warum benutzen mich Frauen häufiger als Männer?

"Das liegt daran, weil du im Frauenkörper kleiner bist und Frauen viel weniger Speicherkapazität haben als Männer. Es hat also gar nichts damit zu tun, das Frauen nervöser sind oder nicht so viel aushalten können, sie haben einfach weniger Platz. Aber der größte Unterschied ist, dass die Harnröhre, also dein Ausgang, bei Männern viel länger ist als bei Frauen."


Dafür haben Männer aber Pinkelscham (hahaha).

"Das stimmt, dieses Phänomen ist bei Männern weiter verbreitet als bei Frauen. Im Fachjargon sagt man dazu Paruresis und das bedeutet wirklich, dass Männer Schwierigkeiten damit haben, in der Öffentlichkeit zu pinkeln. Es stimmt also nicht, dass sie sich ganz einfach hinter jeglichen Busch stellen und es läuft. Sie müssen eigentlich ganz dringend, wenn sie dann aber auf Toilette stehen, kommt nichts."


Aber manche Frauen haben das auch. Selbst wenn man drückt und presst, kommt nichts raus, obwohl ich sie ganz doll ärgere und drücke.

"Das ist dann eher eine Entleerungsstörung. Wenn es ganz schlimm kommt, dann bist du, liebe Blase, bis zum Bersten gefüllt und möchtest nichts dringender, als dass dich endlich jemand erlöst, weil es schon weh tut. Das kann vorkommen, wenn die Harnröhre zu eng ist oder sich Blasensteinchen vor die Harnröhre geschoben haben."


Oh ja, das tut den Personen immer sehr weh. Aber ich kann auch weh tun, zum Beispiel beim Sex – ganz speziell beim Honeymoon.

"Oh ja, liebe Blase, das finde ich sogar ziemlich gemein von dir. Nicht mal die Ärzte und ÄrztINNEN wissen zu 100 Prozent, warum das so ist, aber viele Frauen bekommen diese so genannte Honeymoon-Zystitis wahrscheinlich, weil fremde Bakterien auf den Genitalbereich treffen und dann durch die Harnröhre auch in dich eindringen. Wenn sich diese Bakterien dann nicht mit den Bakterien, die sich in dir bereits angesiedelt haben, verstehen, dann gibt es Krieg und der führt zu Irritationen. Die Folge: Blasenentzündung."


Ich hab noch eine viel ekligere Geschichte gehört...

"Oh ja, ich weiß, was du meinst. Denn die meisten Bakterien sind e.coli-Bakterien aus dem After. 80 Prozent aller Blasenentzündungen werden tatsächlich durch diese – salopp gesagt – Kacke-Bakterien verursacht. Deswegen immer von vorne nach hinten abwischen!"


Gott sei Dank habe ich für die Ärzt*INNEN in meinem Urin einen Geheimcode versteckt, an dem man direkt ablesen kann, was mit mir und dem Körper, in dem ich wohne, nicht stimmt.

"Der Urin ist schon ein Wundergebräu, obwohl es ja das Abwasser des Körpers ist, das du, liebe Blase, sammelst, bis der richtige Platz zum Entleeren gefunden ist. Am Urin kann man zum Beispiel ablesen, ob eine Frau schwanger ist, aber man kann auch Ablesen, ob man Diabetes hat oder ob mit den Nieren- oder Leberwerten etwas nicht stimmt."


Toll, was ich alles kann. Ich bin ja auch ein sehr liebes Exemplar meiner Spezies. Es gibt da auch ganz böse Blasen, die so genannten Reizblasen. Hast du davon schon mal gehört?

"Ja klar, liebe Blase, ich besitze ja genau so ein Exemplar. Deine Kollegin ist leider nicht so nett. Sie schickt mich sehr oft zur Toilette. Auch während wir jetzt gerade sprechen ist meine Blase wieder sehr voll und möchte geleert werden. Ich muss immer sehr, sehr oft aufs Klo und immer sehr dringend. Meine Blase will dann, dass ich immer sofort auf Toilette gehen. Sie ist quasi eine Art Domina."

Und was hilft dir gegen meine Schwester, die Reizblase?

"Ich habe schon sehr viele Tabletten ausprobiert, die aber leider viele doofe Nebenwirkungen mit sich bringen wie Kopfschmerzen oder trockene Augen. Daher habe ich etwas ganz Neues, bei dem dir, liebe Blase, vielleicht ganz anders wird. Ich habe mir Botox in dich spritzen lassen."


Aber ich muss doch nicht jünger und faltenfreier aussehen!

"Ja, das stimmt. Du bist ja bereits ein wunderschönes Organ. Aber wenn du dich immer viel zu oft und viel zu krampfig zusammenziehst, wenn auch nur ein bisschen Urin in dir ist, dann hilft einfach Botox den Muskel zu entspannen und die Zeit bis zum nächsten Toilettengang zu verlängern."


Wie oft muss ich denn zur Botox-Behandlung?

"Botox ist ein Stoff, der vom Körper abgebaut wird, deshalb muss man schauen, wie schnell der Stoffwechsel das Botox wieder ausgeschieden hat. Ich lasse meine Blase etwa einmal pro Jahr spritzen. Seitdem ich mir regelmäßig Botox spritzen lasse, verstehen sich meine Blase und ich viel besser. Es hat unserer Beziehung wirklich sehr geholfen."


Wie oft musstest du früher auf Klo und wie ist es jetzt?

"Vor Botox musste ich etwa zwanzigmal pro Tag aufs Klo. Normal ist fünfmal pro Tag. Seitdem ich Botox in der Blase habe, ist es zwar noch nicht ideal, aber sehr viel angenehmer."



Hältst du mich denn auch anderweitig fit. Bestimmt muss auch eine Blase zum Training?

"Jung und schön bleibt die Blase, indem der Mensch nicht jedes Mal direkt zur Toilette rennt, wenn du dich meldest. Man kann dich ganz gut trainieren. Außerdem liebst du Sportarten wie Yoga und Pilates, einfach alles, was deinen wichtigsten Mitarbeiter – den Beckenboden – stärkt. Auch gut ist Schwimmen. Joggen oder Trampolin-Springen magst du gar nicht, die Hüpfbewegungen tun dir weniger gut."


Stimmt, das Rumgehüpfe mag ich gar nicht. Beim Sex geht's aber.

"Es gibt aber auch Frauen, die sich beim Sex in die Hose machen, weil du nicht nur zu einer Blasenentzündung, sondern auch zu Inkontinenz führen kannst. Dann muss man deinen Beckenboden stärken, dann hältst du auch wieder dicht."


Ich hoffe, dass du nicht dicht hälst, wenn es um die letzten Geheimnisse über mich geht. Ich habe nämlich gehört, dass du Dinge über mich weißt, die sonst keiner weiß, vielleicht nicht mal ich selbst.

" Wusstest du zum Beispiel, dass du, liebe Blase, bei den Inuit als heiliges Organ betrachtest wirst? Die Inuit denken nämlich, dass die Seele in der Blase sitzt. Wenn sie eine Robbe schlachten, behalten sie die Blase und lassen sie später im Meer frei, dass die Seele auch frei sein kann. Das ist sehr respektvoll dem Tier, aber auch dir gegenüber. Im Mittelalter wurdest du aber auch als Fußball benutzt, bei den Griechen sogar als Kondom. Du kannst dich also entscheiden, ob du lieber der Fußball sein willst, auf dem alle herumkicken oder lieber die Seele."


Ich bin lieber die Seele. Und lass mich mit diesem Gedanken auch mal wieder voll laufen. Also dann, bis gleich auf'm Klo!


***


Mehr über Birgit und ihr Leben mit der Reizblase liest du auf ihrem Blog Pinkelbelle, die Illustrationen dazu liefert ihre Schwester Annette Bulla. Das Buch "Noch ganz dicht" von Birgit Bulla erscheint am 21. September 2020.

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