• Stephanie Morcinek

Die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds bricht uns das Herz

Aktualisiert: Sept 4

Die ganze Welt dreht sich um das Corona-Virus, doch was im Amazonas-Regenwald in Brasilien passiert, ist eine noch schlimmere Katastrophe. Während die Lunge der Menschen vom Virus befallen wird, kann sich die Lunge der Erde nur schwer von ihrem Befall durch den Parasit Mensch erholen. Für sie gibt es kein Beatmungsgerät...

Der Amazonas-Regenwald befindet sich in großer Gefahr – bedroht vom Parasit Mensch / Photo: Stephanie Morcinek

Kay Sara ist Schauspieler*IN. Aus Brasilien. Genauer gesagt aus dem Stamm der Tariano. Sie hätte am 16. Mai die Wiener Festwochen eröffnen sollen. Das Corona-Virus kam dazwischen. Ihre Rede, die sie trotzdem zur Eröffnung hielt, enthüllt ein noch viel gravierenderes Problem, mit dem die Menschheit irgendwann zu kämpfen haben wird. Es ist im Gegensatz zum Virus sichtbar oder besser gesagt, es wird unsichtbar, weil die Menschen es verschwinden lassen: den Regenwald im Amazonas. Die grüne Lunge der Erde. Wir brauchen sie so dringend zur Produktion von Sauerstoff, doch geldgierige und machtbesessene Menschen zerstören sie. Das Problem: für die grüne Lunge gibt es kein Beatmungsgerät , das sie vor dem Kollaps bewahrt. Stirbt sie, sterben wir. Die Rechnung ist ganz einfach.


Die Zerstörung des Regenwalds in Rekordtempo


Wie die Tropenwaldstiftung Oro Verde schreibt, gingen im Zeitraum 2010 bis 2015 jedes Jahr etwas mehr als sechs Millionen Hektar natürlicher Wälder in den Tropen verloren. 2018 waren es sogar zwölf Millionen Hektar. Im brasilianischen Regenwald müssen die jahrhundertealten Bäume Platz machen für den Profit. Für Soja. Für Palmöl. Für Rinderweiden. Platz schaffen für den geldgeilen Mensch. Dabei wird nicht nur die Natur zerstört, indigene Völker wie die Tariano werden vertrieben, teilweise gequält und sogar ermordet. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro duldet dies, unterstütz es gar noch. Er ist zum Feindbild für Umweltaktivist*INNEN geworden. Zur Hassfigur im Klimastreit.


Kay Sara wollte mit ihrer Rede auf das Problem aufmerksam machen, das uns irgendwann noch schlimmer treffen wird als die Auswirkungen des Virus. Es mag zwar unsere Lungen angreifen, aber wir greifen die Lunge der Erde an, die sich nur erholt, wenn wir nicht mehr da sind...




Kay Sara: "Dieser Wahnsinn muss aufhören"

Das ist die Eröffnungsrede der Wiener Festwochen von Kay Sara:


"Ich bin eine der Letzten der Tariano. Und vor einigen Wochen also kam die nächste Krankheit aus Europa zu uns: Corona. Vielleicht haben Sie davon gehört, dass in Manaus, der Hauptstadt des Amazonas, die Krankheit besonders schrecklich wütet. Es ist keine Zeit mehr für richtige Beerdigungen. Menschen liegen in Massengräbern, Traktoren schütten sie zu. Andere liegen in den Straßen, unbeerdigt wie Antigones Bruder.

Die Weißen nutzen das Chaos, um noch tiefer in die Wälder einzudringen. Die Feuer werden nicht mehr gelöscht. Von wem auch? Wer den Holzfällern in die Hände fällt, wird ermordet. Und was hat Präsident Jair Bolsonaro getan? Das, was er immer getan hat: Er schüttelt die Hände seiner Unterstützer und verspottet die Toten. Er hat seine Mitarbeiter beauftragt, die indigenen Völker zu benachrichtigen, dass eine Krankheit ausgebrochen sei. Das ist ein Aufruf zum Mord an uns. Bolsonaro will den Genozid an den Indigenen, der seit 500 Jahren anhält, zu Ende bringen.


Ich weiß: Ihr seid Reden wie diese gewöhnt. Wenn es schon zu spät ist, kommt immer eine Seherin oder ein Seher zu euch. Wenn in den griechischen Tragödien Kassandra oder Teiresias auftreten, dann weiß man, dass das Unglück bereits seinen Lauf genommen hat. Denn ihr hört uns gern singen, aber ihr hört uns nicht gern reden. Und wenn ihr uns zuhört, dann versteht ihr uns nicht. Das Problem ist nicht, dass ihr nicht wisst, dass unsere Wälder brennen und unsere Völker sterben. Das Problem ist, dass ihr euch an dieses Wissen gewöhnt habt.


Ich sage euch also, was ihr alle wisst: Vor einigen Jahren trockneten die Nebenflüsse des Amazonas zum ersten Mal seit Menschengedenken aus. In zehn Jahren wird das Ökosystem des Amazonas kippen, wenn wir nicht sofort handeln. Das Herz dieses Planeten wird aufhören zu schlagen. Das sagen unsere und das sagen eure Wissenschafter, und vielleicht ist es das Einzige, worin sie sich einig sind. Wir werden untergehen, wenn wir nicht handeln.


Man hat uns in den letzten Wochen viele Pamphlete geschickt, unterzeichnet von Berühmtheiten. Weniger fliegen wollt ihr, weniger rauben, weniger töten. Aber wie könnt ihr glauben, dass euch nach 500 Jahren der Kolonisierung, nach tausenden Jahren der Unterjochung der Welt ein Gedanke kommen kann, der nicht nur weitere Zerstörung bringt? Wenn ihr in euch hineinhört, dann findet ihr nur euer schlechtes Gewissen. Und wenn ihr durch die Welt reist, findet ihr nur den Schmutz, mit dem ihr sie besudelt habt. Es gibt nichts, wozu ihr zurückkehren könnt. Ich fürchte mich nicht um mich, ich fürchte mich um euch.




Es ist für euch also Zeit zu schweigen. Es ist Zeit zuzuhören. Ihr braucht uns, die Gefangenen eurer Welt, um euch selbst zu verstehen. Denn die Sache ist so einfach: Es gibt keinen Gewinn in dieser Welt, es gibt nur das Leben. Und deshalb ist es gut, dass ich nicht auf der Bühne des Burgtheaters stehe. Dass ich nicht als Schauspielerin zu euch spreche. Denn es geht nicht mehr um Kunst, es geht nicht mehr um Theater. Unsere Tragödie findet hier und jetzt statt, in der Welt, vor unseren Augen.


Und vielleicht ist es das, was mich am meisten beunruhigt, wenn ich Kreon sprechen höre: Er weiß, dass er im Unrecht ist. Er weiß, dass das, was er tut, nicht richtig ist. Dass es falsch ist, in jeder Hinsicht. Dass es seinen Untergang bringen wird, den Untergang seiner Familie, die Apokalypse. Und trotzdem tut er es. Er kritisiert sich selbst, er hasst sich selbst, aber er fährt fort zu tun, was er hasst.


Dieser Wahnsinn muss aufhören. Hören wir auf, wie Kreon zu sein. Seien wir wie Antigone. Denn wenn Rechtlosigkeit Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht. Lasst uns gemeinsam Widerstand leisten, lasst uns Menschen sein. Jeder in seiner Art und an seinem Ort, vereint durch unsere Unterschiedlichkeit und unsere Liebe zum Leben, das uns alle vereint. (Kay Sara, Milo Rau, 16.5.2020)"

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